ÄTHIOPIEN
Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung
Der Grundsatz der Trennung von Staat und Religion ist in der äthiopischen Verfassung aus dem Jahr 1994 in Artikel 11, Absatz 1 und 2 verankert. Laut Artikel 11, Absatz 2 gibt es keine Staatsreligion; gemäß Absatz 3 darf sich der Staat nicht in religiöse Angelegenheiten einmischen. Dies gilt auch umgekehrt für Religionsgemeinschaften, die bei Angelegenheiten des Staates kein Mitspracherecht haben. In Artikel 27, Absatz 1 wird die Gewissens- und Religionsfreiheit aller äthiopischen Bürger anerkannt, einschließlich der Freiheit, „die eigene Religion oder den eigenen Glauben allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder im privaten Bereich, durch Gottesdienst, Riten, Bräuche und Lehre zu bekunden“. In Artikel 27, Absatz 2 und 3 ist zudem das Recht des Einzelnen festgeschrieben, die eigenen Überzeugungen zu verbreiten und zu einem anderen Glauben überzutreten. Absatz 4 begründet das Recht von Eltern, ihre Kinder im Sinne der von ihnen ausgeübten Religion zu erziehen.[1]
Die Präambel der Verfassung hebt hervor, dass ein „dauerhafter Frieden, eine demokratische Ordnung sowie wirtschaftliche und soziale Entwicklung“ auf den reichen kulturellen Traditionen des Landes und auf kontinuierlicher Interaktion zwischen den Menschen basieren sollen.[2]
Gemäß der Verfassung ist Religionsunterricht an allen Schulen (sowohl öffentlichen als auch privaten) verboten. In Artikel 90, Absatz 2 heißt es dazu: „Bildung ist in einer Weise zu vermitteln, die in jeder Hinsicht frei von Religion sowie von politischen und kulturellen Einflüssen ist.“ In Kirchen und Moscheen darf Religionsunterricht erteilt werden.
Das überarbeitete Parteiengesetz von 2008 (Revised Political Parties Registration Proclamation) verbietet in Artikel 11.5 religiösen Organisationen, sich als politische Parteien registrieren zu lassen.[3]
Seit der Einführung des Gesetzes über die Arbeit nichtstaatlicher Organisationen (Charities and Societies Proclamation) im Februar 2009 gelten alle Kirchen und Religionsgemeinschaften als Wohltätigkeitsorganisationen und müssen als solche einen Antrag auf Registrierung beim Justizministerium stellen, um als juristische Person anerkannt zu werden.[4] Dieser Antrag muss alle drei Jahre neu gestellt werden. Ohne Registrierung können entsprechende Gemeinschaften beispielsweise kein Bankkonto eröffnen und sich nicht anwaltlich vertreten lassen. Die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche (EOTC) und der Ethiopian Islamic Affairs Supreme Council (EIASC; Äthiopische Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten) sind von diesem dreijährlichen Antragsverfahren befreit. Kirchliche und sonstige Organisationen, die in der Wohlfahrtspflege oder Entwicklungsarbeit tätig sind, müssen sich unabhängig von ihrem religiösen Träger bei der Charities and Societies Agency (Agentur für Wohltätigkeitsorganisationen und Verbände) registrieren lassen und unterliegen somit den geltenden Gesetzen für Nichtregierungsorganisationen (NRO).
Wohltätige Organisationen, die mehr als 10 % ihrer Mittel aus dem Ausland beziehen, dürfen nicht zu Menschen- oder Behindertenrechten oder zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit arbeiten. Sie dürfen jedoch gemeinnützige Tätigkeiten ausüben, die nicht auf die Interessenvertretung ausgerichtet sind, wie z. B. die Einrichtung von Hospizen, landwirtschaftliche Projekte oder Aufforstungsmaßnahmen.[5]
Für Anträge auf Registrierung als Religionsgemeinschaft ist die Abteilung für Glaubens- und Religionsangelegenheiten im Friedensministerium zuständig. Mit der Registrierung erhalten religiöse Organisationen einen Rechtsstatus, der es ihnen ermöglicht, sich zu versammeln und Land zu erwerben, um Gotteshäuser zu bauen und Friedhöfe anzulegen.[6] Die registrierten Religionsgemeinschaften müssen Jahresberichte und Finanzaufstellungen vorlegen.
Äthiopien zeichnet sich durch seine ethnische Vielfalt aus und definiert sich in Artikel 8, Absatz 1 der Verfassung von 1994 als ein Land, in dem verschiedene „Nationen, Nationalitäten und Völker“ leben. Mehr als 80 Sprachen werden in Äthiopien gesprochen. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sprechen Amharisch, Oromo, Tigrinya und Somali.[7] Laut Artikel 5 der äthiopischen Verfassung von 1994 genießen alle äthiopischen Sprachen denselben Status. Die elf[8] in Artikel 47, Absatz 1 definierten Regionalstaaten des Landes können ihre eigene Amtssprache wählen; allerdings gilt Amharisch als einzige Amtssprache der äthiopischen Zentralregierung. Diese Sonderstellung des Amharischen gab Anlass zu Streitigkeiten unter den größten Volksgemeinschaften des Landes und hatte zudem Auswirkungen auf das religiöse Leben. 2020 wurden auch Afan Oromo, Afar, Somali und Tigrinisch als Amtssprachen von der Zentralregierung anerkannt.[9]
Neben ihrer sprachlichen Vielfalt ist die tiefreligiöse Gesellschaft Äthiopiens von einer großen Glaubensvielfalt geprägt. Etwa 63 % der mehr als 130 Mio. Einwohner sind Christen und 34 % praktizieren den muslimischen Glauben. Orthodoxe Christen machen etwa 44 % aus, vor allem in den Staaten Tigray und Amhara sowie in einigen Teilen von Oromia, während sunnitische Muslime etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Oromia ausmachen und in den Regionen Somali und Afar dominieren. Evangelikale und Pfingstler machen etwa 19 % aus und sind am stärksten im Südwesten konzentriert. Etwa 0,7 % der Bevölkerung sind Katholiken.[10]
Die ethnischen Amhara, Tigrayer und Angehörige anderer semitischer Sprachgemeinschaften sind größtenteils orthodoxe Christen und leben im nördlichen Hochland Äthiopiens. Aus historischer Sicht dominierten diese ethnischen Gemeinschaften das politische Leben im Land. Die meisten Muslime, Protestanten und Anhänger indigener Religionen leben in den Tieflandgebieten im Süden und Osten des Landes.[11]
Laut einem 2008 verabschiedeten Gesetz gilt es als Straftat, Religionsgemeinschaften über die Medien[12] gegeneinander aufzuhetzen. Ebenso werden laut diesem Gesetz Blasphemie und die Diffamierung religiöser Oberhäupter strafrechtlich verfolgt.[13] Verschiedene staatliche und zivilgesellschaftliche Initiativen bemühen sich um die Förderung eines harmonischen Miteinanders der Religionen und um die Vermeidung oder Lösung religiös bedingter Konflikte. Zudem wurde der National Interfaith Peace Council (Nationale Rat für Frieden unter den Glaubensgemeinschaften) von der Regierung ins Leben gerufen,[14] der in Zusammenarbeit mit den Regionalregierungen ein friedliches Zusammenleben der Religionsgemeinschaften fördert.
Ausländische Geistliche erhalten in der Regel keine Dauervisa für Äthiopien, es sei denn, sie arbeiten in Entwicklungsprojekten registrierter NGOs, die ihrer eigenen Kirche angegliedert sind. Nur im Falle der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche wird dieser Grundsatz normalerweise nicht angewandt. Da die Katholische Kirche als Wohltätigkeitsorganisation gilt, dürfen ihre Geistlichen nicht in Äthiopien in den Ruhestand gehen, können aber auch noch im Alter von über 65 Jahren weiterarbeiten.
Am 5. April 2021 trat mit der Medienproklamation Nr. 1238/2021 eine bedeutende Reform in Kraft: Erstmals in der Geschichte des Landes erhielten religiöse Organisationen damit die Möglichkeit, Rundfunklizenzen zu beantragen. Auch wenn diese auf Internet- und Satellitenplattformen beschränkt sind, stellt die Regelung eine bemerkenswerte Neuerung dar: Sie erkennt die Rolle religiöser Institutionen im öffentlichen Kommunikationsraum ausdrücklich an und ermöglicht ihnen, autorisiert ein breiteres Publikum zu erreichen.[15]
Einige christliche und muslimische Feiertage sind in Äthiopien gesetzlich anerkannt. Zu den gesetzlichen Feiertagen gehören das orthodoxe Weihnachten, der Dreikönigstag, Karfreitag, Ostern, Meskel (das Fest der Kreuzauffindung), Eid al-Adha (das islamische Opferfest), der Geburtstag des Propheten Mohammed (Mawlid) und Eid al-Fitr (das islamische Fest des Fastenbrechens).[16] Während muslimische Beamte eine zweistündige Pause für das Freitagsgebet in Anspruch nehmen können, gilt diese Regelung nicht für Beschäftige der Privatwirtschaft.[17]
Bei Personenstandsangelegenheiten sind Scharia-Gerichte zuständig, wenn beide Parteien Muslime sind und ihre Zustimmung dafür erteilt haben.[18]
Addis Abeba ist Sitz zahlreicher panafrikanischer und internationaler Institutionen, darunter die Afrikanische Union, die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika, die Panafrikanische Handelskammer sowie die African Standby Force (Afrikanische Eingreiftruppe).
Vorfälle und Entwicklungen
Abiy Ahmed, Angehöriger der Volksgruppe der Oromo und bekennender Pfingstler, ist seit April 2018 Premierminister Äthiopiens. Für seine Rolle bei der Beilegung des Grenzkonflikts mit Eritrea erhielt er 2019 den Friedensnobelpreis.[19] In den ersten Jahren seiner Amtszeit setzte seine Regierung Tausende politische Gefangene frei, ermöglichte im Exil lebenden Oppositionspolitikern und Religionsgelehrten die Rückkehr und ließ zuvor verbotene Medien wieder zu. Religiöse Toleranz und die Gefahr von Radikalisierung wurden zu zentralen Themen der öffentlichen Diskussion. Abiy selbst förderte den interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit zwischen christlichen und muslimischen Führungspersönlichkeiten. [20] Diese Schritte führten zunächst zu einem offeneren gesellschaftlichen Klima. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage jedoch erheblich verkompliziert: Erneute innere Konflikte und staatlich verordnete Restriktionen – vor allem in den Regionen Amhara und Tigray – stellen neue Herausforderungen für Bürgerrechte und das interreligiöse Zusammenleben dar.
Seit Anfang 2023 haben sich die Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea erneut verschärft, insbesondere durch die veränderten Rahmenbedingungen nach dem Tigray-Krieg. Zwar brachte das Pretoria-Abkommen vom November 2022 die meisten Feindseligkeiten zwischen Äthiopien und der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) zum Erliegen, doch die anhaltende Präsenz eritreischer Truppen in Tigray nährt das Misstrauen in Addis Abeba. Anfang 2025 leitete Eritrea eine umfassende Mobilmachung ein, woraufhin Äthiopien Truppen an die Grenze verlegte. Die Sorge vor einer Wiederaufnahme der Kämpfe wächst. Der Konflikt steht im Zusammenhang mit Eritreas Ausschluss vom Friedensprozess, Äthiopiens Bestrebungen nach Zugang zum Roten Meer sowie inneren Spannungen innerhalb der TPLF.
Der Konflikt in Nordäthiopien war erstmals 2020 ausgebrochen, nachdem Abiy Ahmed die für August geplanten Parlamentswahlen auf unbestimmte Zeit verschoben hatte – eine Entscheidung, die die Tigrayer als Angriff auf die Demokratie empfanden. Nachdem die TPLF dennoch Regionalwahlen in Tigray abhielt, kappte die Zentralregierung die Finanzierung und stellte die Beziehungen ein. Die Regionalregierung wertete dies als „Kriegserklärung“.
Im November 2020 wurde die TPLF beschuldigt, eine Basis der äthiopischen Streitkräfte (Ethiopian National Defence Force, ENDF) in der Regionalhauptstadt Mekelle angegriffen zu haben, um Waffen zu erbeuten. Dies führte zum offenen Krieg. In der Folge kämpfte die ENDF – unterstützt von der eritreischen Armee und verbündeten ethnischen Milizen – gegen die TPLF, die Tigray Defence Forces und weitere Rebellengruppen wie die Oromo Liberation Army.[21]
Die TPLF, lange Zeit dominierende Kraft innerhalb der Regierungskoalition Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF), hatte sich nach ihrem Machtverlust 2018 in ihr regionales Kerngebiet Tigray zurückgezogen. Wachsende Spannungen über politische Marginalisierung und territoriale Streitigkeiten führten schließlich zum Ausbruch des Krieges.
Der Konflikt brachte immense Verheerungen mit sich, darunter systematische Gräueltaten gegen Zivilisten und religiöse Gemeinschaften. Hunderte christliche Geistliche wurden getötet und zahlreiche Gotteshäuser zerstört. Besonders schockierend war das Massaker von Maryam Dengelat, bei dem die eritreische Armee während eines religiösen Festes 160 Gläubige tötete. Nachdem der Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche die Gewalt öffentlich verurteilt hatte, wurde er Berichten zufolge unter Hausarrest gestellt. In einem weiteren Akt religiöser Repression wurden im November 2021 17 Angehörige eines Bildungszentrums der Salesianer in Addis Abeba – darunter Priester und Mitarbeitende – willkürlich festgenommen und an einen unbekannten Ort gebracht.[22]
Trotz anhaltender Gewalt machten die Friedensbemühungen allmählich Fortschritte. Ein im März 2022 erklärter Waffenstillstand scheiterte rasch. Danach errang die Regierung durch den Einsatz türkischer Drohnen eine Reihe militärischer Erfolge, die jedoch mit hohen zivilen Verlusten – auch unter Kindern – erkauft wurden.[23] Die Tigrayer akzeptierten schließlich eine humanitäre Waffenruhe,[24] und am 2. November 2022 unterzeichneten die äthiopische Regierung und die TPLF ein in Südafrika vom Staatenbund der Afrikanischen Union vermitteltes Abkommen.[25] Es war ein vorsichtiger, aber bedeutender Schritt in Richtung Beendigung des Konflikts.
Im Anschluss richteten die katholischen Bischöfe des Landes am Ende ihrer jährlichen Vollversammlung einen Appell an alle Konfliktparteien, sich ernsthaft für einen dauerhaften Frieden einzusetzen.[26]
Seit 2023 ist Äthiopien jedoch erneut von massiver Gewalt geprägt, diesmal vor allem durch Aufstände in Oromia und Amhara. In Oromia verübte die Oromo Liberation Army (OLA) Entführungen und Erpressungen in großem Umfang, was die Unsicherheit für Zivilisten wie auch für ausländische Beschäftigte verschärfte.[27] Zwar wurde im Dezember 2024 mit einer OLA-Fraktion ein Teilausgleich erzielt, doch kam es weiterhin zu sporadischen Gewaltausbrüchen.[28]
In der Amhara-Region[29] brach Mitte 2023 ein umfassender Aufstand aus, nachdem die Regierung versucht hatte, lokale Milizen zu entwaffnen, die sie zuvor im Krieg gegen die TPLF unterstützt hatten. Die Fano-Miliz lancierte einen groß angelegten Aufstand, der zu Drohnenangriffen, willkürlichen Verhaftungen und schweren Opfern unter der Zivilbevölkerung führte. Als Reaktion verhängte die Bundesregierung von August 2023 bis Juni 2024 den Ausnahmezustand.[30]
Die al-Shabaab-Miliz bleibt eine ernste Bedrohung entlang der somalisch-äthiopischen Grenze, insbesondere in der Region Bale, wo schätzungsweise rund tausend Kämpfer aktiv sind. Zwar wurden in den vergangenen Monaten keine großangelegten Angriffe verzeichnet, doch testet die Gruppe fortwährend die äthiopische Verteidigung und verübt gezielte Gewalttaten.[31] Äthiopien hat darauf mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen im Inland und einem fortgesetzten militärischen Engagement in Somalia reagiert.[32] Die regionale Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus wird gleichzeitig durch wachsende Spannungen mit der somalischen Regierung belastet – Spannungen, die durch Äthiopiens Abkommen mit Somaliland über einen Zugang zum Golf von Aden zusätzlich verschärft wurden.[33] In diesem Umfeld bleibt die al-Shabaab-Miliz eine reale Gefahr sowohl für die innere Stabilität Äthiopiens als auch für die Sicherheitsarchitektur am Horn von Afrika insgesamt.
Christen in Regionen wie dem Bundesstaat Somali und Teilen Oromias sind Angriffen durch islamistische Mobs ausgesetzt und hatten häufig keinen Zugang zu gemeinschaftlichen Ressourcen. Dies führt zu sozialer Isolation und einer insgesamt erhöhten Gefährdung. Besonders betroffen sind nichttraditionelle protestantische Konvertiten, die in Gebieten mit starker muslimischer oder orthodox-äthiopischer Prägung unter zunehmendem Druck, Ausgrenzung und teils auch körperlicher Gewalt zu leiden haben.[34]
Im Januar 2023 exkommunizierte die Heilige Synode der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (EOTC) drei Erzbischöfe und 25 Bischöfe. Diese hatten versucht, eine rivalisierende Synode zu gründen, um ein eigenes Patriarchat für die Oromo-Region zu schaffen. Beobachter interpretierten den Schisma-Versuch als Ausdruck identitätspolitischer Spannungen: Kirchenführer wollten ein Patriarchat etablieren, das den aktuellen ethnisch-politischen Strukturen Rechnung trägt.[35] Die drei Erzbischöfe warfen der EOTC vor, im Oromo-Gebiet keine Bischöfe einzusetzen, sondern ausschließlich „geistliche Väter aus einer Region (Amhara)“ zu berufen.
Im Februar 2023 erklärten sich die 25 Bischöfe bereit, ihre Titel niederzulegen und in ihre früheren Positionen zurückzukehren.[36] Die in Addis Abeba ansässige Synode wiederum sagte zu, künftig Gottesdienste und Unterweisungen verstärkt in lokalen Sprachen anzubieten. Auch in den Priesterseminaren sollen Geistliche ausgebildet werden, die die Muttersprachen der Gläubigen beherrschen. Obwohl damit eine Lösung zwischen den abtrünnigen Bischöfen und der Kirchenleitung erreicht wurde, bleibt die Sorge bestehen, dass der Vorfall religiöse wie ethnische Spannungen vertiefen könnte.
Am 31. Mai 2023 lösten äthiopische Sicherheitskräfte mit Gewalt Massenproteste in der Nähe der Grand-Anwar-Moschee in Addis Abeba auf. Die Demonstrationen waren durch den Abriss von mindestens 19 Moscheen im sich rasant ausdehnenden Stadtgebiet von Sheger City ausgelöst worden – Maßnahmen, die im Zusammenhang mit städtebaulichen Entwicklungsprojekten der Regierung standen. Nach Angaben der Äthiopischen Menschenrechtskommission (EHRC) wurden rund 140 Personen festgenommen, denen eine Beteiligung an gewalttätigen Protesten vorgeworfen wurde.[37]
Islamische Institutionen im ganzen Land verurteilten den übermäßigen Einsatz von Gewalt und die gerichtliche Verfolgung scharf. Sie beschuldigten die Behörden, Muslime ins Visier zu nehmen, die lediglich friedlich ihre Rechte verteidigen wollten. Bereits am 26. Mai hatten Sicherheitskräfte auf Muslime geschossen, die nach dem Freitagsgebet friedlich demonstrierten; dabei kamen mindestens zwei Menschen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Zudem kam es zu Dutzenden Verhaftungen.[38]
Im September 2023 stand das Demera-Fest, das an die Auffindung des Kreuzes Christi durch die Heilige Helena im 4. Jahrhundert in Jerusalem erinnert, unter strikter staatlicher Kontrolle. Teilnehmern war es untersagt, die Nationalfarben zu tragen, und sie wurden angewiesen, sich ausschließlich in Weiß zu kleiden. Als einzige Fahne war die der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zugelassen.[39]
Im Februar 2024 reisten 80 Anhänger einer Gruppierung namens Christ Disciples Church aus Ostuganda nach Äthiopien. Ihr Pastor, Simon Opolot, hatte ihnen angekündigt, dass sie dort Jesus Christus begegnen würden und die Welt nach einer 40-tägigen Fastenzeit enden würde. Die äthiopischen Behörden fanden die Gruppe, die überwiegend aus Lehrkräften und Staatsbediensteten bestand, in geschwächtem Zustand und organisierten ihre Rückführung nach Uganda.[40]
Eine im Februar 2024 veröffentlichte Studie mit dem Titel „Media and Religion in Ethiopia“ (Medien und Religion in Äthiopien) kommt zu dem Ergebnis, dass jüngste Verfassungsreformen und medienrechtliche Veränderungen das Verhältnis zwischen Religion, Medien und Staat grundlegend neu gestaltet haben. Zwar erlaubt die Medienproklamation von 2021 religiösen Organisationen, Rundfunklizenzen zu beantragen, doch geht die Regierung bei der Erteilung zurückhaltend vor. Zwischen 2021 und 2023 erhielten rund 50 religiöse Gruppen entsprechende Genehmigungen, die jedoch ausschließlich für Internet- und Satellitensendungen gelten und den Zugang zu lokalen Radiostationen oder terrestrischem Fernsehen ausschließen. Gleichzeitig ist der religiöse Ausdruck in den Mainstream-Medien sichtbarer geworden. So treten Moderatoren öffentlicher Rundfunkanstalten zunehmend mit erkennbaren religiösen Symbolen auf – etwa mit orthodoxen Kreuzen oder muslimischen Hidschabs – was auf eine wachsende Akzeptanz religiöser Identität im öffentlichen Raum hinweist. Auch der offen gelebte evangelikale Glaube von Ministerpräsident Abiy Ahmed hat diese Entwicklung verstärkt und den Stellenwert der Religion im nationalen Diskurs gestärkt.[41]
Im August 2024 sprach die Synode der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche eine Entschuldigung dafür aus, während des Krieges gegen Tigray nicht zum Frieden aufgerufen zu haben. Kritiker warfen der Synode vor, diese Entschuldigung gehe nicht weit genug. Bereits 2021 hatten die Bischöfe von Tigray aus Protest gegen die ausbleibende Verurteilung des Krieges die Verbindung zur Synode abgebrochen und waren daraufhin exkommuniziert worden. Einer der abtrünnigen Bischöfe, Petros Haileselassie, erklärte, die Kirchenführung sei zu „Unterstützern und Anführern des genozidalen Krieges“ geworden.[42]
Im Dezember 2024 protestierten muslimische Schülerinnen in der Zentralzone der Region Tigray gegen ein Kopftuchverbot, mit dem sie ihrer Ansicht nach vom Schulbesuch ausgeschlossen wurden und das eine Verletzung ihrer Rechte darstelle. Der Islamische Rat trat daraufhin mit dem Friedens- und Sicherheitsbüro von Addis Abeba, der Polizei und der Bildungsverwaltung in Kontakt und erreichte schließlich die Wiederaufnahme der betroffenen Schülerinnen.[43]
Im September 2024 bekräftigte der Generaldirektor des Außenministeriums, Semunegus Hailegiorgis, in Addis Abeba anlässlich des 75. Jahrestags der Genfer Konventionen Äthiopiens Verpflichtung zu deren Einhaltung.[44] Nach Artikel 9.4 der Verfassung sind alle von Äthiopien ratifizierten internationalen Abkommen Bestandteil des nationalen Rechts.[45] Artikel 24 des Ersten Genfer Abkommens schreibt vor, dass medizinisches Personal „unter allen Umständen geachtet und geschützt“ werden muss.[46]
Im Dezember 2024 richteten die katholischen Bischöfe Äthiopiens kurz vor Weihnachten einen eindringlichen Friedensappell an Gläubige und nationale Entscheidungsträger. In der Abschlusserklärung ihrer ordentlichen Versammlung riefen sie dazu auf, sich vom „König des Friedens“ inspirieren zu lassen und angesichts fortdauernder ethnischer Spannungen und humanitärer Krisen das friedliche Zusammenleben zu fördern. Die Bischöfe hoben die Adventszeit als Zeit der Hoffnung und göttlichen Verheißung hervor und forderten alle auf, selbst zu Friedensstiftern zu werden. Zugleich verurteilten sie die gravierenden Folgen der Konflikte für den Auftrag der Kirche: Viele Pfarreien seien unzugänglich, kirchliche Einrichtungen beschädigt, und das Personal gezwungen, unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten.[47]
Im Jahr 2025 führte die erneute Eskalation des Konflikts im Norden des Landes zu einer neuen Welle jüdischer Emigration nach Israel. Im Februar reiste eine erste Gruppe von 26 Personen aus, Dutzende weitere bereiteten ihre Ausreise vor. Sie folgen damit den rund 160.000 Beta-Israel-Juden, die seit den 1980er Jahren aus Äthiopien in das Heilige Land übersiedelt sind. Die Auswanderung der Falash Mura – Angehöriger der jüdischen Gemeinschaft, die zum christlichen Glauben übergetreten sind – wurde hingegen ausgesetzt. Ausschlaggebend waren sowohl die Unsicherheiten nach dem Hamas-Angriff vom Oktober 2023 als auch Vorbehalte innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Israel.[48]
Perspektiven für die Religionsfreiheit
Das Friedensabkommen von 2022 zwischen der Bundesregierung und der TPLF war ein entscheidender Wendepunkt, doch bleibt der Frieden in Äthiopien fragil. Die strukturellen Ursachen des Konflikts – ethnische Rivalitäten, Machtungleichgewichte und tief verwurzelte Ressentiments – bestehen fort. Der Aufstand in Amhara, die anhaltende Gewalt in Oromia und die wachsenden Spannungen mit Eritrea tragen zu einer Atmosphäre der Unsicherheit bei. Religiöse Akteure sind weiterhin von dieser Instabilität betroffen: Geistliche wurden getötet, Gotteshäuser zerstört, und ganze Gemeinden gerieten im Kontext ethnischer und politischer Gewalt ins Visier. Auch die seelsorgerische Arbeit der Kirchen ist erheblich beeinträchtigt, da Pfarreien unzugänglich bleiben und Kleriker zur Arbeit unter prekären Bedingungen gezwungen sind.
Das interreligiöse Zusammenleben steht zunehmend unter Druck, insbesondere in Regionen wie dem Bundesstaat Somali und Teilen Oromias. Aber auch innerhalb der Religionsgemeinschaften selbst treten Spannungen offen zutage: Das Kirchenschisma von Anfang 2023 innerhalb der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche machte die enge Verflechtung von religiöser Leitung und ethnischer Identität sichtbar. Der Protest muslimischer Studentinnen in Tigray gegen ein Kopftuchverbot im Dezember 2024 verdeutlichte zudem, wie sehr religiöse Praxis und staatliche Regelungen miteinander in Konflikt geraten können. Diese Entwicklungen zeigen die besondere Verwundbarkeit religiöser Minderheiten, Konvertiten und anderer marginalisierter Gruppen, die in Gebieten leben, die von größeren religiösen oder ethnischen Gemeinschaften dominiert werden.
Angesichts der anhaltenden Instabilität, der Politisierung religiöser Identität und wiederkehrender Episoden religiös motivierter Gewalt bleibt der Ausblick für die Religionsfreiheit in Äthiopien insgesamt unverändert kritisch.
Quellen