HAITI
Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung
Die Religionsfreiheit und das Recht auf freie Ausübung des Glaubens sind der haitianischen Verfassung[1] festgeschrieben. Jeder hat das Recht, seinen Glauben zu bekennen und auszuüben, sofern die öffentliche Ordnung und die öffentliche Ruhe dadurch nicht gestört werden (Artikel 30).
Gemäß Artikel 30 Abs. 1 darf niemand gezwungen werden, einer Glaubensgemeinschaft beizutreten oder einer Lehre zu folgen, die den eigenen Überzeugungen widerspricht. In Artikel 30 Abs. 2 ist festgelegt, dass die Bedingungen für die Anerkennung von Religionen und für die Glaubensausübung gesetzlich geregelt werden.
Gewerkschaften müssen laut Artikel 35 Abs. 4 grundsätzlich gemeinnützig sein und dürfen nicht an politische Parteien oder Konfessionen gebunden sein.
Auch ausländische Personen und Organisationen haben gemäß Artikel 55 Abs. 2 das Recht, in Haiti Immobilien zu besitzen, um unter anderem religiöse, humanitäre oder Bildungseinrichtungen zu betreiben.
Der Amtseid des Präsidenten der Republik beginnt gemäß Artikel 135 Abs. 1 mit den Worten: „Ich schwöre vor Gott und der Nation...“. Laut Artikel 187 erklären auch Mitglieder des Obersten Gerichtshofs: „Ich schwöre vor Gott und der Nation, dass ich mit der für einen aufrichtigen und freien Menschen angemessenen Unvoreingenommenheit und Bestimmtheit meinem Gewissen und meiner tiefen Überzeugung folgend urteilen werde.“
Laut Artikel 215 gelten Zentren afrikanischer Glaubensrichtungen als Teil des nationalen Erbes, das unter dem Schutz des Staates steht.
Der Heilige Stuhl ist gemäß dem mit Haiti geschlossenen Konkordat berechtigt, mit Zustimmung der Regierung Bischöfe zu ernennen. Das Konkordat sieht außerdem die wirtschaftliche Unterstützung von katholischen Geistlichen und Kirchen durch den Staat vor.[2] Allerdings kommt der Staat dieser Zusage laut Aussagen von Mitgliedern der Ortskirche bereits seit einigen Jahren nicht mehr nach.[3]
Religiöse Organisationen sind gesetzlich verpflichtet, sich beim Ministerium für Religiöse Angelegenheiten, das dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten untersteht, registrieren zu lassen und jährlich einen Tätigkeitsbericht vorzulegen. Durch die Registrierung haben religiöse Organisationen Anspruch auf bestimmte Steuererleichterungen. Das Justizministerium gestattet es Geistlichen von registrierten Glaubensgemeinschaften, zivilrechtliche Urkunden wie Taufscheine und Heiratsurkunden auszustellen.[4]
Im Jahr 2003 wurde Voodoo in Haiti als Religion anerkannt.[5]
Muslimische Gemeinschaften bemühen sich seit Jahren um eine offizielle Anerkennung durch das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten, bisher wurde jedoch nur die Ahmadiyya-Gemeinschaft anerkannt.[6] Sunniten und Schiiten warten bisher noch auf eine Entscheidung. Muslimische Eheschließungen werden deshalb zivilrechtlich nicht anerkannt; Muslime müssen zusätzlich eine zivilrechtliche Eheschließung vollziehen. Dies gilt auch für die Ahmadiyya, da die Geistlichen dieser Gemeinschaft bislang noch nicht entsprechend ermächtigt wurden.[7]
In Haiti sind einige christliche und islamische Gruppen informell und ohne offizielle Anerkennung tätig.[8]
Seit 1976 ist Haiti Mitglied des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte.[9]
Vorkommnisse und aktuelle Entwicklungen
Haiti leidet seit Jahrzehnten unter Instabilität und politischem, wirtschaftlichem und sozialem Chaos. Die Lage hat sich in den vergangenen Jahren sogar noch verschlimmert und sich zu einer schweren humanitären Krise ausgewachsen. Der ehemalige vorübergehende Premierminister Garry Conille drückte es so aus: „Haiti hat im Laufe der letzten Jahrzehnte den völligen Zusammenbruch seiner Einrichtungen erlebt. Staatliche Strukturen liegen in Trümmern und sind der Ressourcen beraubt, die sie für ihre ordnungsgemäße Funktion benötigen.“[10] Dem fügte er hinzu, dass die allgegenwärtige Korruption und Gewalt die staatlichen Institutionen ausgehöhlt haben und Bürgern des Landes grundlegende Dienste somit verwehrt seien.[11]
Kriminelle Banden kontrollieren ganze Landesteile und terrorisieren die Bevölkerung; ein Experte der Vereinten Nationen, William O‘Neill, erklärte, dass Plündereien, Entführungen und Mord inzwischen an der Tagesordnung sind.[12] Mangelhafte Trinkwasser- und medizinische Versorgung, der Mangel an Wohnraum und fehlende Bildungsmöglichkeiten erschweren die Lage weiter. O‘Neill betonte, dass Gebiete im Süden des Landes seit drei Jahren ohne Stromversorgung seien, es ebenso an Treibstoff zum Betrieb von Generatoren mangelte, und viele Schulen als Notunterkünfte für Vertriebene genützt würden.[13]
Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Zusammenbruchs des Landes und der Unmöglichkeit, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten zu prüfen, sind die folgenden Vorfälle lediglich als beispielhaft zu verstehen.
Durch die Krise, die auf die Ermordung von Präsident Jovenel Moise am 7. Juli 2021 folgte, verschlechterte sich die Lage in Haiti rapide. Im Februar 2024 protestierten Menschen auf den Straßen und forderten den Rücktritt des kommissarischen Premierministers Ariel Henry.[14] Unter die Protestierenden hatten sich auch Mitglieder rivalisierender Banden gemischt, die daraufhin koordinierte Angriffe auf Polizeistationen und Haftanstalten verübten – wodurch rund 4.700 Inhaftierte aus den Gefängnissen flüchten konnten[15] – und plünderten Container mit Hilfsgütern, die im Hafen der Hauptstadt lagerten.[16] Ein Vertreter von UNICEF, Bruno Maes, erklärte, man „sei Zeuge einer humanitären Katastrophe“. Die Regierung erklärte kurz darauf den Notstand.[17]
2024 einigte man sich schließlich auf die Einrichtung eines präsidialen Übergangsrats[18], der einen neuen Premierminister[19] und einen provisorischen Wahlrat wählen sollte. In beiden Gremien waren auch Vertreter von Religionsgemeinschaften tätig.[20]
Der Dezember 2024 war besonders stark von Gewalt geprägt: Neun Menschen kamen bei einem Angriff in Petite-Riviere ums Leben;[21] zwischen dem 5. und 21. Dezember wurden mehr als 207 Menschen ermordet,[22] nachdem ein Bandenchef Personen beschuldigt hatte, seinen schwer erkrankten Sohn mit einem Voodoo-Zauber belegt zu haben.[23]
Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Volker Türk, besuchte Haiti Anfang 2023.[24] Kurz darauf genehmigten die Vereinten Nationen den Einsatz einer internationalen Truppe unter kenianischer Führung.[25]
Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR)[26] warnte 2024 vor dem erheblichen Anstieg der Bandengewalt und organisierten Kriminalität. Das Büro berichtete außerdem, dass 2024 mindestens 5.601 Morde verübt,[27] 1.494 Menschen entführt[28] und 700.000 Haitianer vertrieben[29] worden seien.
Die von Banden ausgeübte Waffengewalt hat einen zutiefst schädlichen Effekt auf das religiöse Leben in Haiti, insbesondere in der Hauptstadt Port-au-Prince.[30] Nach Angaben von Mitgliedern der Ortskirche sind aufgrund der unsicheren Lage etwa 70 Pfarrgemeinden aufgegeben worden oder mussten den Großteil ihrer seelsorgerischen Aktivitäten einstellen. In manchen Gebieten können Priester keine Messe mehr feiern oder keine karitativen Aufgaben erfüllen, ohne sich ernsthaft in Gefahr zu begeben. Außerhalb der Hauptstadt ist die Sicherheitslage im Vergleich stabiler; doch die weit verbreitete extreme Armut bildet weiterhin ein Hindernis für die volle, freie Ausübung der eigenen Religion.[31]
In einem Interview mit Kirche in Not erläuterte Erzbischof Max Leroy Mésidor von Port-au-Prince, wie extrem die Bandengewalt seine pastorale Arbeit einschränkt: „Der Alltag besteht aus Leid und Gewalt, aus Schießereien, Armut und Entbehrung... Zwei Drittel meiner Diözese kann ich nicht besuchen, weil die Straßen versperrt sind... Seit zwei Jahren war ich nicht mehr in der Kathedrale.“ Er berichtete davon, wie er einmal vier Stunden lang in seinem Büro festsaß, weil vor der Tür eine Schießerei im Gange war und Kugeln sein Bürofenster streiften.[32]
Während des Berichtszeitraums kam es wiederholt zu Angriffen auf Geistliche und Kirchen.[33]
Im August 2023 organisierte der Pastor einer evangelikalen Kirche, Marcorel Zidor, einen Protestmarsch gegen eine der Banden. Die Menschen, die seinem Aufruf gefolgt waren, setzten sich – teils mit Stöcken und Macheten bewaffnet – in Bewegung, als das Feuer auf sie eröffnet wurde. Sieben Menschen starben, andere erlitten Verletzungen oder wurden verschleppt.[34]
Im Mai 2024 lauerten Bandenmitglieder einem Missionars-Ehepaar aus den USA auf, Davy und Natalie Lloyd, und ihrer haitianischen Kollegin Jude Montis, überfielen und töteten sie, als sie eine Veranstaltung einer kirchlichen Jugendgruppe in Port-au-Prince verließen.[35]
Am 31. März 2025 wurden zwei Ordensschwestern der Kongregation der Kleinen Schwestern der Heiligen Theresa vom Kind Jesu von bewaffneten Bandengliedern in Mirebalais, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Port-au-Prince, brutal ermordet. Schwester Evanette Onezaire und Schwester Jeanne Voltaire hatten sich im Rahmen ihres Dienstes in der Stadt befunden, als sie in einem bewaffneten Bandenkonflikt gerieten. Zusammen mit anderen Zivilisten flüchteten sie sich in ein Versteck. Die Angreifer entdeckten und töteten die ganze Gruppe brutal. Diese tragische Episode macht die wachsende Gefährdung der Mitglieder von Glaubensgemeinschaften in Haiti deutlich, die häufig zum Ziel von Erpressung und Repressalien werden. In einem solchen Umfeld, das immer tiefer im Chaos versinkt, sind sowohl die Ausübung von Religion als auch die soziale Funktion religiöser Einrichtungen zunehmend kompromittiert.[36]
Andere Kirchenmitglieder wurden entführt, um Lösegelder zu erpressen: Der Claretinerpater Antoine Christian Noah, dem die Flucht gelang; Pater Jean-Yves Médidor von den Viatoristen[37] und sechs Ordensschwestern von der Kongregation der Heiligen Anna.[38] Am 23. Februar 2024 wurden sechs Brüder der Kongregation vom Heiligsten Herzen Jesu und ein Lehrer entführt;[39] am selben Tag kidnappte eine Bande einen Priester und mehrere Gläubige.[40] Am 5. März 2024 wurden Pater Alain Michel, der Geistliche der St.-Anna-Kirche,[41] und drei Ordensschwestern der Josefsschwestern von Cluny entführt.[42] Pater Emmanuel Saintéliat, Gemeindepfarrer an der Kirche St. Johann Baptist, wurde am 30. Juni 2024 von denselben Bandenmitgliedern entführt, die auch einen Angriff auf die Verwaltung von Gressier in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince verübt hatten.[43] In den meisten Fällen wurden die Entführten wenige Tage später wieder freigelassen.
Die Bischofskonferenz der Antillen hat festgestellt, dass Kirchen zu Zielen für kriminelle Banden geworden sind.[44] Die folgenden Vorfälle belegen diese Aussage: Die Franziskanische Ordensschwester Marella Catozza berichtete darüber, wie Gangmitglieder Ordensleute bedrohten, um sie aus ihren Häusern zu vertreiben und diese selbst als Stützpunkte zu nutzen;[45] als das kirchliche Krankenhaus St. Camille besetzt wurde, wurden auch Priester dort festgehalten;[46] Mitglieder einer Bande brachen mit der Absicht, den Pastor zu entführen, während einer religiösen Feier in die Rendez-Vous-Christ-Kirche ein;[47] Bischof André Dumas wurde Opfer eines Sprengstoffanschlags;[48] und Gang-Mitglieder brachen an unterschiedlichen Orten ein, um diese zu plündern, darunter auch die katholische Schule „Minor Seminary of Saint-Martial“[49] sowie der Konvent der Schwestern von Sanfil.[50]
Die katholische Kirche hat die Gewalt der bewaffneten Banden und die Gleichgültigkeit der Politik mehrfach scharf verurteilt,[51] zum Frieden aufgerufen[52] und den dringenden Bedarf nach einer „Intervention durch internationale Friedenskräfte“ betont.[53]
Eine positive Initiative, die mediale Beachtung fand, war die „Woche der Religionen“, in der das Bewusstsein für die unterschiedlichen Religionen gestärkt und ihre soziale Rolle unterstrichen werden sollte. An der Initiative nahmen geistliche Führer, Akademiker und Mitglieder der Zivilgesellschaft teil. Ziel war die Förderung des interreligiösen Dialogs und Stärkung des gesellschaftlichen Miteinanders im Lande.[54]
Perspektiven für die Religionsfreiheit
Dass sich die Lage in Haiti noch verschlechtern könnte, ist kaum vorstellbar. Kriminelle Banden haben das Machtvakuum genutzt, um die Kontrolle über weitreichende Gebiete an sich zu reißen und terrorisieren mit ihrer Gewalt nun die gesamte Bevölkerung. Neben der katastrophalen Sicherheitslage und der Gesundheitskrise kämpft Haiti zusätzlich noch mit der schlimmsten Nahrungsmittelknappheit der gesamten westlichen Welt.[55] Kirchen werden geplündert, Ordensleute entführt. Die Umstände und Gegebenheiten, die normalerweise die ungehinderte Ausübung des Menschenrechts der Religionsfreiheit gewährleisten, sind als Ergebnis der extremen Gewalt nicht mehr existent, und dies wird sich in absehbarer Zeit wohl nicht ändern.[56]
Quellen