IRAN
Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung
Iran ist seit dem Sturz des Schahs und der Islamischen Revolution 1978/79 eine Islamische Republik auf Basis einer theokratischen Verfassung.[1] Laut Artikel 12 der 1989 zuletzt geänderten Verfassung ist die zwölfer-schiitische, dschaʿfaritische Richtung des Islam offizielle und für immer unabänderliche Staatsreligion. Gleichzeitig sind andere islamische Schulen wie Hanafi, Shafiʻi, Maliki, Hanbali und Zaydi zu respektieren; ihre Mitglieder haben das Recht, „bei der Ausübung religiöser Riten entsprechend ihrer eigenen Rechtslehre zu handeln“. Artikel 13 schützt einige religiöse Minderheiten: „iranische Bürger des zoroastrischen, jüdischen und christlichen Glaubens sind als offizielle religiöse Minderheiten anerkannt, die ihre religiösen Pflichten im Rahmen des Gesetzes frei ausüben können. Personenstandsangelegenheiten und religiöse Erziehung erfolgen nach der entsprechenden eigenen Religion.“[2] Zwei Sitze im iranischen Parlament sind für armenische Christen reserviert, der größten christlichen Minderheit im Land (300.000), und je einer für assyrische Christen, Juden und Zoroastrier.[3]
Der Staat[4] ist der Rechtsprechung durch schiitische Geistliche unter der Führung des Rahbars unterstellt, des obersten Religionsführers des Iran, der vom Expertenrat auf Lebenszeit ernannt wird. Der Expertenrat ist ein aus 88 Theologen bestehender Rat, der vom Volk für eine Amtsperiode von jeweils acht Jahren gewählt wird.[5] Der Rahbar steht dem Wächterrat vor, der über die Einhaltung der Verfassung wacht. Der Wächterrat besteht aus zwölf Mitgliedern, von denen je sechs vom Rahbar und sechs vom Parlament ernannt werden.[6] Dieser Rat überwacht die Gesetze und leitenden Organe des Staates, einschließlich des Präsidenten, der für eine Amtszeit von vier Jahren direkt gewählt wird und nur einmal wiedergewählt werden kann.[7]
Eine der größten Hürden für die Religionsfreiheit im Iran ist der Tatbestand der „Apostasie“. Der Staat stuft alle Bürger, die nicht nachweisen können, dass sie oder ihre Familie vor 1979 keine Muslime waren, als Muslime ein.[8] Ein Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion ist zwar weder verfassungs- noch strafrechtlich verboten, gestaltet sich aber aufgrund der starken islamischen Traditionen und dem auf islamischem Recht (Scharia) fußenden Rechtssystem kompliziert. In allen Fällen, die in der Gesetzgebung nicht explizit genannt sind, können Richter sich nach Artikel 167 der Verfassung auf „maßgebliche islamische Quellen oder authentische Fatwas beziehen“. Die Rechtsgrundlage für Verurteilungen aufgrund des Tatbestands der Apostasie bilden die Scharia und die Fatwas; Apostasie kann mit der Todesstrafe belegt werden.[9] Christlichen Konvertiten ist es weder erlaubt, sich rechtlich registrieren zu lassen, noch haben sie die gleichen Rechte wie anerkannte Mitglieder christlicher Gemeinschaften.
Das Strafgesetzbuch des Iran enthält auch Vorschriften gegen Blasphemie. So besagt Artikel 513: „Jede Person, welche die heiligen Werte des Islam, einen der großen Propheten, einen der [zwölf] schiitischen Imame oder die Heilige Fatima beleidigt, soll hingerichtet werden, wenn die Beleidigung als Saab ul-nabi [vorsätzliche Verunglimpfung] eingestuft wird. Ist dies nicht der Fall, ist die Person zu ein bis fünf Jahren Haft zu verurteilen.“ Artikel 514 besagt: „Jede Person, die in irgendeiner Weise Imam Chomeini, den Gründer der Islamischen Republik, und/oder den Obersten Führer beleidigt, ist zu einer Haftstrafe von sechs Monaten bis zu zwei Jahren zu verurteilen.“[10]
Im Februar 2021 änderte das iranische Parlament die Artikel 499 und 500 des Strafgesetzbuches und erleichterte damit die Verfolgung von Christen, insbesondere von Konvertiten vom Islam zum Christentum.[11] Artikel 499 schreibt eine Gefängnisstrafe von zwei bis fünf Jahren und/oder eine Geldstrafe vor für „Personen, die durch die Verfassung anerkannte göttliche Religionen beleidigen und damit Gewalt oder Spannungen auslösen“ oder „abweichende Sekten“ gründen oder fördern, die als Gefahr für die nationale Sicherheit angesehen werden können. Mit dem Gesetz werden gezielt christliche Konvertiten und Mitglieder nicht anerkannter religiöser Minderheiten verfolgt und regelmäßig für die Verbreitung „abweichender Ideologien“ angeklagt. Artikel 500 stellt die Nutzung von Medien, Bildungsplattformen und sozialen Netzwerken unter Strafe, wenn sie zur Verbreitung von Inhalten genutzt werden, die als ideologisch oder konfessionell abweichend oder als Bedrohung für die öffentliche oder nationale Sicherheit gesehen werden. Diese vage formulierten Änderungen erleichtern die staatliche Unterdrückung von Religions- und Meinungsfreiheit.[12]
Vorfälle und aktuelle Entwicklungen
Am 28. Januar 2023 wurde Anahita Khademi, die Ehefrau des inhaftierten Christen Matthias (Abdulreza) Ali-Haghnejad, auf Kaution freigelassen.[13] Sie war am 3. Januar 2023 vom Geheimdienst in Bandar Anzali zur Befragung vorgeladen und anschließend wegen „Propaganda gegen den Staat“ und „Stiftung öffentlicher Unruhe“ verhaftet worden. Ihr Mann war bereits eine Woche vorher, am 26. Dezember 2022, verhaftet worden.[14]
Im Januar wurde Abbas Dehghan, ein Mitglied der religiösen Minderheit der Gonabadi Derwische, nach fast fünf Jahren Haft freigelassen.[15]
Ebenfalls im Januar 2023 wurde der kurdische sunnitische Geistliche Seyyed Seyfollah Hosseini zu 17 Jahren Haft, 74 Peitschenschlägen und zwei Jahren Exil in Ardabil im Nordwesten des Iran verurteilt. Ihm wurde unter anderem „Anstiftung zur Störung der nationalen Sicherheit“ vorgeworfen. Das Gericht enthob Hosseini zudem seines Priesteramtes.[16]
Im Februar 2023 wurde Pastor Yousef Nadarkhani nach jahrelanger Haft von Irans Oberstem Führer Ajatollah Ali Chamenei zur Feier der Islamischen Revolution 1979 begnadigt.[17] Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity Worldwide (CSW) wurden sowohl Pastor Nadarkhani als auch Pastor Matthias (Abdulreza) Ali-Haghnejad im Juli 2023 erneut unter dem Vorwurf angeklagt, die nationale Sicherheit zu untergraben. Laut CSW war ein Paar aus ihrer Kirche dazu gedrängt worden, die beiden Priester zu belasten.[18]
Im März 2023 äußerte der UN-Sonderberichterstatter Javaid Rehman auf der 52. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats seine Besorgnis über schwerwiegende Vorwürfe von Tötungen, Inhaftierungen, Folter und Vergewaltigungen sowie Verfolgung und das Verschwindenlassen von Personen im Iran.[19]
Im September 2022 wurde die junge iranische Kurdin Jina Mahsa Amini wegen Nichteinhaltens der Kleiderordnung verhaftet und starb anschließend in Polizeigewahrsam. Die Kopftuch-Frage ist seitdem ein kontrovers diskutiertes Thema im Iran. Der Tod der jungen Frau hatte landesweite Proteste zur Folge, welche von der Regierung brutal niedergeschlagen wurden.[20] Laut der UN wurden im Zeitraum September 2022 bis Februar 2023 etwa 20.000 Menschen wegen der Unterstützung der oder Teilnahme an den Protesten verhaftet.[21] Laut einem UN-Bericht aus dem Juni 2023 waren Minderheiten das überproportionale Ziel von Verhaftungen während der Proteste.[22] Im Juli 2023 wurden vor dem Jahrestag von Mahsa Aminis Tod mindestens 12 kurdische Zivilisten und Aktivisten in der iranischen Provinz West-Aserbaidschan verhaftet.[23]
Im Mai 2023 wurden Yousef Mehrdad und Sadrollah Fazeli Zare hingerichtet. Unter anderem wurde ihnen Blasphemie sowie die Beleidigung des Islam, des Propheten Mohammed und anderer Heiligkeiten vorgeworfen.[24]
Im gleichen Monat wurden Shilan Oraminejad, Razieh (Maral) Kohzady und Zahra (Yalda) Heidary, drei iranische Frauen, die zum Christentum konvertiert waren, ohne Anklage verhaftet und 40 Tage lang im Evin-Gefängnis in Teheran in Isolationshaft gehalten.[25]
Ebenfalls im Mai 2023 wurden die Christen Sara Ahmadi und Homayoun Zhaveh aus der Haft entlassen, nachdem ein Richter Präzedenzfälle außer Acht ließ und urteilte, die Teilnahme an Versammlungen in Hausgemeinden stünde nicht im Widerspruch zum Gesetz.[26]
Im Juni 2023 wurde ein Giftattentat auf den sunnitischen Geistlichen Molavi Abdulhamid vereitelt. Der mutmaßliche Attentäter behauptete, das Attentat auf Abdulhamid sei vom Geheimdienst der iranischen Revolutionsgarde orchestriert worden. Abdulhamid hatte die iranische Regierung offen für das Massaker von Zahedan kritisiert, bei dem über 100 Menschen getötet wurden.[27] Die iranische Regierung versuchte anschließend, die Leitung der Makki-Moschee in Zahedan, wo Abdulhamid predigt, dazu zu drängen, sich vom Mordversuch zu distanzieren.[28]
Noch im gleichen Monat wurde Molavi Abdulhamids Enkel verhaftet, um Druck auf den sunnitischen Geistlichen auszuüben.[29] In der Provinz Sistan und Belutschistan im Südosten des Iran sind die Sunniten in der Mehrheit, im Rest des Landes hingegen in der Minderheit. IranWire berichtete ebenfalls im Juni 2023 über einen anderen sunnitischen Geistlichen namens Molavi Abdulmajid Moradzahi, einen Kollegen Molavi Abdulhamids, der zu diesem Zeitpunkt ohne formelle Anklage bereits vier Monate in Isolationshaft verbracht hatte. Der 63-Jährige war im Januar 2023 während der Proteste gegen die Regierung in Zahedan verhaftet und Berichten zufolge gefoltert worden.[30]
Im Juli 2023 unternahmen iranische Behörde einen neuen Versuch, Frauen zum Tragen des Kopftuchs zu zwingen. 10 Monate nach Mahsa Aminis Tod in Polizeigewahrsam begann die Moralpolizei wieder mit Patrouillen. Dies führte landesweit zu Protesten.[31]
Im Oktober 2023 starb die 16-jährige Armita Geravand beim Zusammenstoß mit Mitgliedern der Moralpolizei in der Metro an den Folgen ihrer Verletzungen. Sie hatte vermeintlich das Kopftuchgesetz missachtet. Die iranische Regierung leugnet den Vorgang. Armita Geravand fiel in ein Koma und wurde später für hirntot erklärt.[32]
Ebenfalls im Oktober 2023 wurde Arash Moradi, ein Mitglied der Gonabadi Derwische, in Kaschan verhaftet und seine persönlichen Gegenstände, darunter sein Laptop und sein Mobiltelefon, konfisziert.[33]
Laut der in Oslo ansässigen NGO Iran Human Rights wurden im Jahr 2023 mindestens 834 Menschen hingerichtet. Das entspricht einem Anstieg von 43 % im Vergleich zum Vorjahr (582 Hinrichtungen). Zwei dieser Hinrichtungen erfolgten nach einer Anklage wegen Blasphemie und 39 weitere wegen „Korruption auf Erden“ und „Feindschaft gegen Gott“.[34]
Laut einem Bericht der NGO Human Rights Activists News Agency (HRANA) wurden im Jahr 2023 Haftstrafen von insgesamt 5.113 Monaten gegen 115 Angehörige religiöser Minderheiten verhängt. Verhaftungen von Angehörigen religiöser Minderheiten haben demnach um 1,4 % zugenommen und Freiheitsstrafen um 45 %. Insgesamt seien Inhaftierungen im Vergleich zu 2022 um 48 % gestiegen. Die meisten Menschenrechtsverletzungen gegen religiöse Minderheiten wurden laut dem Bericht gegen Bahai (85 %), Sunniten (11 %), Yaresanen (2 %) sowie Gonabadi Derwische, Christen und andere Gruppen begangen.[35]
Im Dezember 2023 wurde der Gonabadi Derwisch Arash Moradi vom Islamischen Revolutionsgericht in Teheran zu insgesamt acht Jahren Haft verurteilt: zwei Jahre wegen „Stiftung öffentlicher Unruhe“, ein Jahr wegen „Propaganda gegen die Regierung“, drei Jahre wegen „Blasphemie“ und zwei Jahre wegen „Beleidigung des ehemaligen und des aktuellen Obersten Gerichtshofs des Iran“. Die Strafen sind zeitgleich abzusitzen.[36]
Im Dezember 2023 wurden die kurdischen sunnitischen Geistlichen Soleyman Ahmadi, Younes Nowkhah, Seyyed Jamaladdin Vazhi und Sharif Mahmoudpour zu insgesamt 11 Jahren Haft verurteilt. Die Männer waren wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ und „Stiftung öffentlicher Unruhe“ angeklagt.[37]
Im Januar 2024 erhielt eine Frau 74 Peitschenschläge wegen „des Verstoßes gegen öffentlichen Anstand“. Zudem erhielt sie eine Geldstrafe, weil sie ihren Kopf nicht bedeckt hatte.[38]
Die christliche Konvertitin Laleh Saati, die 2017 in den Iran zurückgekehrt war, wurde im Februar 2024 wegen der „Gefährdung der nationalen Sicherheit durch Zusammenarbeit mit zionistisch-christlichen Organisationen“ verhaftet. Einen Monat später wurde sie zu zwei Jahren Haft verurteilt.[39]
Ebenfalls im Februar 2024 wurde Hakop Gochumyan als führendes Mitglied „eines Netzwerks evangelikaler Christen“ zu einer Gefängnisstrafe von 10 Jahren verurteilt wegen der „Beteiligung an abweichenden Bekehrungen, die den heiligen Gesetzen des Islam entgegenstehen“. Im Juni 2024 wurde sein Einspruch abgelehnt.[40]
Am 20. Februar 2024 wurde Ebrahim Firouzi, ein 37-jähriger christlicher Konvertit und ehemaliger Gewissensgefangener, tot in seiner Wohnung in Rask im Südosten Irans aufgefunden. Er starb an einem Herzinfarkt. Firouzi war in der Vergangenheit mehrfach wegen seiner religiösen Überzeugungen und Aktivitäten inhaftiert worden. Unter anderem war er an der Organisation geheimer Hausgemeinden beteiligt gewesen und hatte mehrere Bibeln in seinem Besitz. Nach seiner ersten Festnahme 2011 verbüßte er eine mehrjährige Haftstrafe, unter anderem wegen „Propaganda gegen die islamische Republik“ und „Gefährdung der nationalen Sicherheit“.[41]
Im März 2024 wurde Maryam (Marzieh) Khalili vor dem Revolutionsgericht in Isfahan wegen „Beleidigung des Obersten Führers“ und Blasphemie angeklagt.[42]
Im März 2024 forderte der sunnitische Gelehrte Molavi Abdulhamid die Behörden auf, die Vorgänge am 30. September 2022 aufzuklären, die zum Massaker von Zahedan führten, bei dem über 100 Menschen ihr Leben verloren. Auch bei Protesten in Verwaltungsbezirk Chasch im November 2022 kamen Demonstranten ums Leben.[43]
Im April 2024 wurde das Grab von Esther und Mordechai in Hamadan mit Molotowcocktails beworfen. Bei dem Grab handelt es sich um eine archäologische Stätte von großer Bedeutung sowohl für Christen als auch für Juden. Der Gouverneur der Stadt gab kurz darauf bekannt, dass die Personen, die in den Vorfall involviert waren, mit Überwachungsvideos identifiziert werden konnten. Wer hinter dem Attentat stehe, wisse man allerdings nicht.[44]
Im Mai 2024 wurde der Sunnit Khosrow Besharat für den Mord an einem Imam hingerichtet. Laut Iran International handelte es sich um falsche Anschuldigungen.[45]
Im Mai 2024 ließ die Regierung die Reisfelder von Bahai-Bauern in Ahmedabad in der Provinz Mazandaran zerstören. Getreide und Bewässerungssysteme fielen dem Vorgang zum Opfer.[46]
Im Juli 2024 wurde ein Sufi-Scheich in Saqqez Opfer eines bewaffneten Attentats. Zwei seiner Gefolgsleute kamen dabei ums Leben. Der Scheich selbst erlag später seinen Verletzungen.[47]
Im Juli 2024 übten iranische Behörden starken Druck auf iranische Juden aus, um sie zur Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen zu zwingen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes gab es explizit für Juden eingerichtete Wahllokale. Zudem wurden für die jüdische Gemeinschaft Wahlkampfveranstaltungen mit den Kandidaten organisiert.[48]
Im August 2024 wurde Reza Rasaei, ein Angehöriger der Yaresanen (auch bekannt als Kaka’i oder Ahl-e Haqq), hingerichtet. Er war während der Demonstrationen 2022 festgenommen worden. Seine Familie wurde gezwungen, seinen Körper unter strengen Sicherheitsauflagen außerhalb des Gemeindefriedhofs zu beerdigen.[49]
Im gleichen Monat wurde der alte Bahai-Friedhof in Ahwas von Unbekannten in Brand gesteckt. Der Friedhof war 2014 auf Anordnung der Behörden geschlossen worden.[50]
Ebenfalls im August 2024 wurde der sunnitische Geistliche Mamusta Saber Khodamoradi vom Sondergericht für die Geistlichkeit in Hamedan wegen „Propaganda gegen den Staat“ zu einer Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt.[51]
Im Oktober 2024 wurde der Bahai Faraz Razavian wegen der Verbreitung der Bahai-Religion mit einer Haftstrafe von zwei Jahren und einem Tag, einer Geldstrafe von umgerechnet 16.000 Euro sowie einem Verbot sozialer Aktivitäten für fünf Jahre und einen Tag belegt.[52]
Im November 2024 wurde der 20-jährige Jude Arvin Ghahremani hingerichtet. Er war zum Tode verurteilt worden, weil er in Notwehr einen Muslim getötet hatte. Laut der United States Commission on International Religious Freedom (US-Kommission zur Religionsfreiheit weltweit, USCIRF) handelte es sich um einen unfairen Prozess. Unter anderem sei Ghahremani verwehrt worden, ein Blutgeld (diya) zu bezahlen, weil er Jude war. Im Statement der USCIRF heißt es dazu: „Die Hinrichtung von Arvin Ghahremani ist ein ungeheuerlicher Verstoß gegen die Religionsfreiheit und steht beispielhaft für die prekäre Lage der Juden im Iran, obwohl sie offiziell als Gemeinschaft anerkannt sind.“[53]
Im November 2024 wurde der christliche Konvertit Toumaj Ariankia wegen „Propaganda gegen die Regierung durch Verkündung des Christentums“, „Kollaboration mit feindlichen Mächten (Israel, Vereinigtes Königreich und USA)“ sowie „Mitgliedschaft in der Regierung feindlich gesinnten Gruppen“ angeklagt und verurteilt. Das Urteil umfasst eine Haftstrafe von 10 Jahren sowie ein 2-jähriges Verbot „sozialer Aktivitäten“.[54]
Im November 2024 wurde eine Studentin der Islamischen Azad-Universität in Teheran von Sicherheitskräften „gewaltsam in Gewahrsam genommen“. Sie hatte als Protest gegen die „gewalttätige Durchsetzung“ der Kleiderordnung im Iran teilweise ihre Kleidung abgelegt.[55] Laut CNN hatten Mitglieder der Basidsch, einer aus Freiwilligen rekrutierten Miliz, die Studentin auf dem Campus attackiert und ihr Kopftuch und Kleidung vom Körper gerissen.[56] Die junge Frau wurde später als psychisch krank eingestuft und ohne Anklage aus dem Krankenhaus entlassen.[57]
Ebenfalls im November 2024 wurde einer achtköpfigen sunnitischen Familie vom Volk der Belutschen von den Behörden im Verwaltungsbezirk Chasch in der Provinz Sistan und Belutschistan mitgeteilt, die Familie müsse zum schiitischen Islam konvertieren, um die notwendigen Papiere für staatliche Leistungen zu erhalten.[58]
Im gleichen Monat berichtete die NGO Center for Human Rights in Iran (Zentrum für Menschenrechte im Iran, CHRI), dass mehr als 1.200 Bahai wegen ihres Glaubens angeklagt oder bereits zu Haftstrafen verurteilt worden seien. Laut der Menschenrechtsorganisation ist die Unterdrückung der Bahai-Gemeinde im Iran in den letzten Jahren regelrecht eskaliert, insbesondere gegen Bahai-Frauen.[59]
Ebenso im November 2024 wurde der christliche Konvertit Toomaj Aryan-Kia wegen „Verbreitung des Christentums“ zu einer Haftstrafe von 10 Jahren verurteilt.[60]
Im Dezember 2024 blockierte Präsident Massud Peseschkian das „Kopftuch- und Keuschheitsgesetz“, kurz bevor es in Kraft treten sollte, da es „missverständlich“ sei und „überarbeitet“ werden müsse.[61] Das Gesetz könnte in seiner aktuellen Form schon bei Kindern ab 12 Jahren angewendet werden und sieht für Frauen und Mädchen Haftstrafen bis zu 15 Jahren vor, wenn ihre Haare, Unterarme oder Unterschenkel nicht bedeckt sind. Das Gesetz ermöglicht unter anderem auch das Verhängen der Todesstrafe für den Tatbestand „Korruption auf Erden“.[62]
Eine Expertenkommission des UN-Menschenrechtsrats wertet den Gesetzesentwurf als direkten Angriff auf die Rechte von Frauen und fordert dessen Ablehnung.[63] Im März 2025 berichtete der Guardian über verstärkte Maßnahmen des iranischen Staates zur Kontrolle der Einhaltung des Kopftuchgebots. Laut der britischen Zeitung nutzt die iranische Polizei auch digitale Technologie, um Frauen zu identifizieren und festzunehmen, die sich nicht an die strenge Kleiderordnung halten.[64]
Im März 2025 löste die Polizei eine Demonstration auf, auf der eine stärkere Durchsetzung der Kleiderordnung gefordert wurde.[65] Die Teilnehmer drückten ihre Unterstützung für das neue Gesetz aus, das im September 2023 vom Parlament verabschiedet[66] und im September 2024 vom Wächterrat bestätigt wurde.[67]
Im Dezember 2024 wurde Pastor Matthias (Abdulreza) Ali-Haghnejad nach sechs Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Er war wegen „Handlungen gegen die nationale Sicherheit durch Bildung einer Gruppe und Verbreitung des Christentums außerhalb der Kirche und in einer Hausgemeinde sowie Weitergabe von Informationen an die Feinde des Islam“ verurteilt worden.[68]
Im Januar 2025 wurde die katholische Konvertitin Ghazal Marzban aus dem Gefängnis entlassen. Sie hatte zu dem Zeitpunkt ein Drittel ihrer Haftstrafe verbüßt. Im November 2024 war sie verhaftet worden, nachdem sie gegen die Schikane protestiert hatte, der sie sich seit ihrer Konvertierung zum Christentum sieben Jahre zuvor ausgesetzt sah. Ein Richter hatte sie im Dezember 2024 zu einer Haftstrafe von 6 Monaten verurteilt wegen „Aufhaltens in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch“ und „Propaganda gegen die Regierung durch das Singen von Slogans“.[69]
Im Februar 2024 veröffentlichten vier christliche Menschenrechtsgruppen (Article 18, Open Doors, Middle East Concern, Christian Solidarity Worldwide) einen gemeinsamen Bericht, in dem festgestellt wurde, dass 2023 mindestens 166 Christen verhaftet worden seien (2022: 134 Verhaftungen). Die Verhaftungen kämen dabei „in Wellen: nur einige wenige bekannte Verhaftungen vor Juni [2023] und dann über 100 über die folgenden 3 Monate, gefolgt von einer weiteren Verhaftungswelle um Weihnachten“.[70]
In ihrer jüngsten Studie, die sie im Januar 2025 veröffentlichten, berichten die vier NGOs, dass 2024 mindesten 139 Christen aufgrund ihres Glaubens oder ihrer religiösen Aktivitäten verhaftet worden seien, 80 seien festgehalten und 77 angeklagt worden. Ungefähr 18 Christen befänden sich Stand Ende 2024 nach wie vor in Haft aufgrund ihres Glaubens. Die 2024 gegen Christen verhängten Haftstrafen betragen laut Bericht insgesamt 250 Jahre, 6-mal so viel wie 2023.[71]
Im Januar 2025 berichtete die Regierung von der Verhaftung von 13 Bahai in Isfahan wegen der Missionierung von Minderjährigen. In einem Statement gab die Geheimdienstabteilung der Revolutionsgarde an, die Bahai seien verhaftet worden, weil sie „unrechtmäßig agierten und indirekt ihre abweichende ideologische Haltung verbreiteten und dabei Kinder und Jugendliche ausnutzten“.[72]
Im März 2025 erhielt der Sänger und Musiker Mehdi Yarrahi 74 Peitschenhiebe, weil er ein Lied zur Unterstützung der Protestbewegung gesungen hatte, die 2022 und 2023 die Frauen im Land dazu ermutigte, das Kopftuch abzulegen.[73] Im März 2025 erlitt der christliche Konvertit Nasser Navard Gol-Tapeh im Evin-Gefängnis in Teheran am 35. Tag eines Hungerstreiks einen Schlaganfall. Mit seinem Hungerstreik protestierte er gegen die Verfolgung der Christen im Iran.[74] Der 63-Jährige hatte zuvor bereits eine 5-jährige Haftstrafe für die Ausübung seines Glaubens verbüßt und war im Oktober 2022 entlassen, im Februar 2025 jedoch erneut verhaftet worden.[75]
Perspektiven für die Religionsfreiheit
Die Religionsfreiheit ist im Iran nach wie vor sehr stark eingeschränkt. Christen sehen sich massiver Verfolgung ausgesetzt und werden häufig wegen Propaganda gegen die Regierung oder Handlungen gegen die nationale Sicherheit angeklagt. Dies hat oftmals lange Haftstrafen und Verbote gesellschaftlicher Aktivitäten zur Folge. Für Christen und insbesondere Konvertiten geht der Trend in Richtung stärkerer Verfolgung und härterer Strafen.
Noch härter trifft es die Bahai-Gemeinde. Während des Berichtszeitraums gab es mehrere Wellen massiver Verfolgung gegen die größte nicht registrierte religiöse Gemeinschaft im Iran. Wie schon in der Vergangenheit terrorisierte die Regierung auch die sunnitische Minderheit des Landes mit Verhaftungen und Hinrichtungen.
Frauen und Mädchen sahen sich im Berichtszeitraum verstärkt der brutalen Gewalt der Moralpolizei ausgesetzt, wenn sie sich dem Kopftuchgebot widersetzten.
Obwohl auch einige Personen, die aus religiösen Gründen im Gefängnis saßen, freigelassen wurden, deutet der allgemeine Trend in den letzten Jahren auf stärkere Restriktionen im Bereich der Religionsfreiheit hin und Verfolgungen und harte Strafen bei Nichteinhaltung der Gesetze der islamischen Republik nehmen zu.
Die Perspektiven für die Religionsfreiheit im Iran bleiben weiterhin äußerst negativ.
Quellen