KAMERUN
Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung
Die Verfassung der Republik Kamerun wurde 1972 verabschiedet und zuletzt im Jahr 2008 geändert. In der Präambel wird „erklärt, dass der Mensch ohne Unterschied der Ethnie, der Religion, des Geschlechts oder des Glaubens unveräußerliche und heilige Rechte besitzt.“ Weiter heißt es dort: „Niemand darf aufgrund seiner Herkunft, seiner religiösen, philosophischen oder politischen Ansichten oder Überzeugungen behelligt werden, sofern die öffentliche Ordnung gewahrt bleibt.“[1]
In Artikel 14 der Präambel wird festgeschrieben, dass der Staat „säkular“ und „die Neutralität und Unabhängigkeit des Staates gegenüber allen Religionen“ gewährleistet ist. Des Weiteren sind in Artikel 15 die Religion- und die Kultusfreiheit garantiert.[2]
Der Gesetzgeber verlangt, dass Religionsgemeinschaften eine staatliche Genehmigung einholen müssen, bevor sie in Kamerun tätig werden, und räumt der Regierung die Möglichkeit ein, „die Aktivitäten nicht registrierter Gruppen auszusetzen.“[3] Die Registrierung, die per Präsidialerlass erfolgt, ermöglicht Religionsgemeinschaften den Erwerb von Eigentum als steuerfreie Schenkungen; sie erleichtert auch die Arbeit ausländischer Missionare, die ein längerfristiges Visum beantragen können.[4]
Anders als staatliche Schulen dürfen Privatschulen in Kamerun Religionsunterricht erteilen, allerdings müssen religiöse Privatschulen die gleichen Standards wie staatliche Schulen in Bezug auf den Lehrplan und die schulische Infrastruktur erfüllen.[5]
Die wichtigsten christlichen und muslimischen religiösen Feste sind in Kamerun zugleich auch gesetzliche Feiertage. Hierzu zählen Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Eid al-Fitr (Fest des Fastenbrechens), Eid al-Adha (Opferfest) und der Geburtstag des Propheten.[6]
Vorfälle und Entwicklungen
Auch im aktuellen Berichtszeitraum blieb Kamerun mit sicherheits- und religionsbezogenen Herausforderungen konfrontiert, die einerseits mit islamistischen Aufständen, aber auch mit internen separatistischen Konflikten zusammenhängen. Seit 2014 destabilisieren Boko Haram (Jama’atu Ahl as-Sunnah li-Da’awati wal-Jihad, JAS) und in jüngerer Zeit auch der DAESH Provinz Westafrika (ISWAP) die Region Extrême-Nord. Boko Haram, die seit 2009 in Kamerun aktiv ist, erlebte 2023 ein Wiederaufleben, zeitgleich mit der wachsenden Präsenz der ISWAP in der Region. Beide Gruppierungen nutzen zunehmend ausgefeilte Taktiken, darunter den Einsatz bewaffneter Drohnen und Sprengsätze, insbesondere in den Grenzgebieten zu Nigeria und Tschad. Ihre Aktivitäten haben über zwei Millionen Menschen im Tschadseebecken vertrieben und zu massivem Leid unter der Zivilbevölkerung geführt. Es kam zu Hinrichtungen, Entführungen und Misshandlungen – sowohl durch Aufständische als auch durch Sicherheitskräfte.[7]
Auch 2024 blieb Boko Haram mit 107 Todesopfern und 69 Angriffen die aktivste und tödlichste Gruppierung im Land. Obwohl die Aktivität im Vergleich zum Vorjahr um 28 % zurückging, entfielen etwas mehr als die Hälfte aller registrierten Vorfälle im Land auf die Gruppe. Die Region Extrême-Nord trug dabei die Hauptlast der Gewalt: Boko Haram war für 92 % aller Angriffe und 98 % der damit verbundenen Todesfälle verantwortlich, was die anhaltende Verwundbarkeit dieser Region deutlich macht.[8]
Im selben Jahr verdoppelte sich die Zahl der Entführungen durch Boko Haram und ISWAP im Vergleich zu 2023. Der Anstieg ist auf militärische Operationen des Tschad zurückzuführen, insbesondere auf die Operation Haskanite, die zahlreiche Kämpfer nach Kamerun abdrängte und offenbar zu vermehrten Entführungen und Übergriffen auf Zivilisten führte. Die Multinational Joint Task Force, die für die Bekämpfung der Aufstände im Tschadseebecken zuständig ist, wurde vom Tschad wegen ungleicher Beiträge, mangelhafter Grenzsicherung und Zurückhaltung im Kampf gegen die Milizen kritisiert. In der gegenwärtigen Situation unzureichender militärischer Koordination ist die Zivilbevölkerung besonders gefährdet.[9]
Die Verschlechterung der Sicherheitslage spiegelte sich auch darin wider, dass Kamerun 2024 erstmals seit 2019 wieder in die Top Ten des Global Terrorism Index aufstieg – ein Hinweis auf die fortdauernde Bedrohung durch Terrorismus und den rasanten Rückgang des Schutzes für die Zivilbevölkerung, insbesondere in religiös und ethnisch fragmentierten Regionen.[10]
Darüber hinaus bleibt die anglophone Krise in den Regionen Nordwest und Südwest eine zentrale Quelle der Instabilität. Ausgelöst durch tief verwurzelte Ressentiments aufgrund von politischer Marginalisierung, wirtschaftlicher Vernachlässigung und kultureller Diskriminierung, wird der Konflikt durch separatistische Gruppen – allen voran die Ambazonia-Bewegung – vorangetrieben, die die Unabhängigkeit der englischsprachigen Gebiete anstreben. Auch wenn die Auseinandersetzung nicht religiös motiviert ist, trifft die Gewalt lokale Gemeinschaften, darunter auch religiöse Gruppen, schwer.[11] Kirchen und andere religiöse Einrichtungen, die oft als neutrale Orte angesehen werden, wurden gezielt attackiert oder gerieten ins Kreuzfeuer; Geistliche wurden entführt und Opfer von Gewalt.[12] Die anhaltende Unsicherheit erschwert religiösen Organisationen ihre seelsorgerische, bildungsbezogene und humanitäre Arbeit und verschärft so die Not der betroffenen Bevölkerung. Im Jahr 2024 waren dem Aufstand rund die Hälfte aller Angriffe und ein Drittel der landesweiten Terrorismusopfer zuzurechnen. Die Regierung stützt sich weiterhin auf Antiterrorgesetze, um die Krise zu bewältigen – ein Vorgehen, das von Beobachtern kritisiert wird, da es die Aussichten auf eine politische Lösung zusätzlich erschwert. Bislang hat der Konflikt mehr als 6.000 Menschenleben gefordert und über eine Million Menschen vertrieben.[13]
Im Berichtszeitraum wurden weiterhin Zivilisten, die als Regierungskollaborateure angesehen wurden oder die Aktivitäten der Aufständischen nicht unterstützen wollten (– z. B. durch die Teilnahme an wirtschaftlichen oder politischen Boykotten –) von den Separatisten entführt, gefoltert oder gar getötet. Regierungsstreitkräfte wiederum haben im Zuge des Konflikts willkürliche Verhaftungen und rechtswidrige Tötungen verübt. Dokumentiert sind schwere Menschenrechtsverletzungen, darunter die Zerstörung von Häusern und Dörfern durch Brandstiftung sowie Fälle von Vergewaltigung und Folter.[14]
Von den verschiedenen Glaubensgemeinschaften gilt die christliche Gemeinschaft als die am stärksten betroffene Gruppe. Immer wieder kam es zu Angriffen auf christliche Zivilisten und Kirchenführer. Bereits 2021 hatte Pater Christopher Eboka, ein katholischer Priester aus Mamfe und selbst ehemaliges Entführungsopfer, erklärt, warum Geistliche im Kontext der anglophonen Krise besonders gefährdet sind – obwohl die Kirche eine neutrale Haltung einnimmt: „Die Regierung konstruiert ein Narrativ, demzufolge die Kirche den bewaffneten Kampf anheizt. Umgekehrt stellen die nichtstaatlichen Akteure die Kirche als Verbündete der Regierung dar, um so ihre Angriffe auf die Kirche zu rechtfertigen.“[15]
Die folgenden Beispiele verdeutlichen die anhaltende Unsicherheit:
Anfang April 2023 wurden bei einer Serie von Angriffen bewaffneter Gruppen in Westkamerun mindestens 25 Menschen entführt. Die Überfälle ereigneten sich in mehreren Dörfern im Bezirk Ako nahe der nigerianischen Grenze. Hunderte flohen aus den Dörfern Abafum, Akwancha und Abutu. Die Regierung entsandte das Militär, um die Entführten zu befreien und Verletzte zu versorgen. Zwar konnten die Täter nicht eindeutig identifiziert werden, doch wird vermutet, dass es sich um extremistische Fulani-Hirten aus Nigeria handelte, die immer wieder mit Farmern in Konflikt geraten. In dieser Region, die früher ein sicherer Zufluchtsort für Menschen war, die vor der Gewalt der Separatisten flohen, haben die Spannungen aufgrund dieser militanten Angriffe zugenommen. Berichte von Überlebenden sprechen von Folter, weil Lösegeldzahlungen verweigert wurden, sowie von vermissten Angehörigen.[16]
Im Mai 2023 töteten unbekannte Angreifer zwei Zollbeamte, einen Polizisten und einen Zivilisten bei einem nächtlichen Überfall auf einen Sicherheitsposten nahe der Stadt Mora im Norden Kameruns, etwa 30 Kilometer von der nigerianischen Grenze entfernt. Der Angriff wurde der Boko Haram zugeschrieben, die ihre Aktivitäten in der Region wieder verstärkt hat. Der Bürgermeister von Mora erklärte, es sei der erste Angriff dieser Art seit 2013. Bei einem weiteren Überfall auf einen Militärposten in Ziguague starben ein Soldat und zwei Kämpfer von Boko Haram. Seit Beginn des Aufstands 2009 ist Boko Haram für zahlreiche Angriffe und Vertreibungen in Kamerun, Nigeria, Tschad und Niger verantwortlich.[17]
Im Juli 2023 wurden bewaffnete Gruppen in den englischsprachigen Regionen – darunter Armee, Separatisten und Milizen – schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt, darunter Tötungen, Folter und sexualisierte Gewalt. Separatisten nahmen gezielt die Mbororo-Fulani-Gemeinschaft ins Visier, während Fulani-Milizen mit Unterstützung durch die kamerunische Armee Gräueltaten an Zivilisten verübten. Der Regierung wird vorgeworfen, die Verbrechen nicht zu untersuchen und Täter nicht zur Rechenschaft zu ziehen; wer über Menschenrechtsverletzungen berichtet, sieht sich oftmals Drohungen, Haft und Folter ausgesetzt.[18]
Am 26. September 2023 wurde der katholische Priester Pater Elvis Mbangsi schwer verletzt, als mutmaßlich separatistische Kämpfer die Pfarrei St. Martin von Tours in Kembong, Südwestkamerun, angriffen. Der Priester, Mitglied der Mill Hill Missionaries (MHM), erlitt Schussverletzungen an beiden Beinen und an der linken Hand. Der Angriff ereignete sich am Mittag, als sechs Bewaffnete auf Motorrädern auf das Gelände der Pfarrschule fuhren und die Lehrer aufforderten herauszukommen. Pater Mbangsi, der sich im Pfarrhaus aufhielt, wurde angeschossen, als er auf die Menschenansammlung zuging. Auch die Lehrer wurden beschossen, einige mehrfach. Der Vorfall steht in bedrückender Kontinuität zur Ermordung von Pater Cosmas Ombato Ondari, eines frisch geweihten kenianischen Priesters, der zuvor in derselben Gemeinde getötet worden war.[19]
Im Februar 2024 wurde die Mariengrotte der Pfarrei Our Lady of the Fields in Mbandjock (Diözese Obala) verwüstet. Pfarrer Kisito Essele Essele verurteilte die Tat und bestätigte laufende Ermittlungen. Er erklärte, der Angriff habe sich in den frühen Morgenstunden des 7. Februar ereignet und sowohl materiellen als auch spirituellen Schaden verursacht, da die Grotte für viele Menschen der Gemeinde ein Ort des Gebets sei.[20]
Ebenfalls im Februar 2024 bekundete Papst Franziskus seine Anteilnahme nach einem Bombenanschlag in Nkambe, bei dem am 11. Februar mindestens ein Mensch getötet und viele weitere verletzt wurden. Durch die Explosion wurde die Heilige Messe in der Christ-König-Pfarrei Jakiri in der Diözese Kumbo unterbrochen. In einer Solidaritätsbotschaft erklärte Kardinal Pietro Parolin, der Papst bete für die Angehörigen der Opfer und das ewige Heil des Verstorbenen, erbitte schnelle Genesung für die Verletzten und bekräftige seinen Aufruf zur Achtung heiliger Räume.[21]
Nach Angaben von Aid to the Church in Need International wurden im Jahr 2024 drei katholische Priester in Kamerun bei verschiedenen Vorfällen entführt. Alle kamen schließlich wieder frei.[22]
Friedensappelle kirchlicher Führungspersönlichkeiten
Im August 2024 rief Erzbischof José Avelino Bettencourt, Apostolischer Nuntius in Kamerun, während der jährlichen Friedenswallfahrt der Diözese Bafoussam zum Ende der Gewalt auf und ermahnte die Gläubigen, sich für den Frieden einzusetzen. In seiner Predigt bei der Eucharistiefeier in der Kathedrale St. Joseph betonte er, dass Frieden eine göttliche Gabe sei, während Gewalt ein Werk des Bösen sei und niemals gerechtfertigt werden könne. Auch der kamerunische Bischof Paul Lontsié-Keuné forderte in seiner Ansprache die Christen auf, zu „Botschaftern des Friedens“ zu werden, sich an den Präsidentschaftswahlen 2025 zu beteiligen, um zum Frieden im Land beizutragen, und zugleich Einheit zu fördern sowie Stammesdenken zurückzuweisen.[23]
Am 7. Oktober 2024 wurde Pater Christophe Badjogou Komla, ein togolesischer Priester, der in der Diözese Yagoua inkardiniert war, in Yaoundé erschossen. Der Überfall ereignete sich gegen 19:30 Uhr vor dem Wohnsitz der Missionare vom Unbefleckten Herzen Mariens (CICM) im Stadtteil Mvolyé. Pater Komla, Pfarrer der Pfarrei St. Peter und Paul in Zouzoui, wurde von zwei Tätern auf einem Motorrad dreimal angeschossen, als sie versuchten, ihm seine Tasche zu entreißen. Er stand kurz vor einer geplanten Reise nach Italien.[24]
Im Januar 2025 erklärte Bischof Bruno Ateba von der Diözese Maroua-Mokolo in der Region Extrême-Nord in einem Interview mit Aid to the Church in Need: „Waffen allein können Boko Haram nicht besiegen. Was es zuerst braucht, sind Bildung und Arbeitsplätze. Wenn junge Menschen Perspektiven haben, wird es viel schwieriger, sie für die Gruppe zu rekrutieren und zu indoktrinieren.“[25]
Perspektiven für die Religionsfreiheit
Auch wenn Kameruns Rechtsordnung die Religionsfreiheit formal gewährleistet, wird ihre praktische Ausübung durch die zunehmend dürftige Sicherheitslage stark eingeschränkt. Die Region Extrême-Nord bleibt besonders dem dschihadistischen Terror ausgesetzt: Boko Haram und ISWAP verüben dort Morde, Entführungen und Angriffe auf religiöse Gemeinschaften – darunter auch Muslime, die die extremistische Ideologie ablehnen. In den anglophonen Regionen sind religiöse Akteure, vor allem christliche Führungspersönlichkeiten, zunehmend Opfer des separatistischen Konflikts geworden, wobei beide Seiten ihre Loyalität in Frage stellen. Kirchen, Schulen und Geistliche wurden – teils gezielt – angegriffen, während Unsicherheit, Vertreibungen und Flucht die Religionsausübung zusätzlich einschränken.
Trotz anhaltender Bemühungen christlicher und muslimischer Führer um Versöhnung und nationale Einheit werden diese Initiativen durch die Eskalation der Gewalt und das Fehlen eines ernsthaften Dialogs massiv behindert. In diesem Kontext bleibt die Lage der Religionsfreiheit höchst prekär. Ohne konkrete Fortschritte in Richtung einer politischen Lösung und besseren Schutz der Zivilbevölkerung ist mit weiteren – direkten wie indirekten – Verletzungen der Religionsfreiheit zu rechnen.
Quellen