MAURETANIEN
Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung
Mauretanien befindet sich an der afrikanischen Westküste und besteht größtenteils aus Wüste. Das dünnbesiedelte Land ist eines der ärmsten weltweit. Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 ist Mauretanien eine islamische Republik. Artikel 5 der mauretanischen Verfassung[1] erkennt den Islam als offizielle Religion „des Staates und seiner Bürger an“. Artikel 23 legt fest, dass das Amt des Präsidenten nur von einem Muslim bekleidet werden darf.[2]
Mauretanien ist die einzige islamische Republik in Afrika, seit Gambia 2018 eine säkulare Republik geworden ist.[3] Fast die gesamte Bevölkerung Mauretaniens sind Sunniten, die vorwiegend in Sufi-Orden, wie dem Qādirīya-, dem Tidschānīya- und dem Hamāwīya-Orden, organisiert sind.[4] Die Tatsache, dass das Land bei seiner Unabhängigkeit zur Islamischen Republik erklärt wurde, war Ausdruck einer politischen Vision, wonach religiöse Einheit als verbindendes Element zwischen der Vielzahl an Gemeinschaften dienen könnte.[5]
Religion ist tief im Alltagsleben der traditionell nomadischen Bevölkerung verankert. So prägen islamische Feiertage, Gebetszeiten und der Fastenmonat Ramadan den Rhythmus der Gesellschaft. Konservative Auslegungsformen des Islam nehmen Einfluss auf gesellschaftliche Normen, insbesondere im Hinblick auf Kleidervorschriften und Geschlechterrollen. Neben kulturellen Traditionen wie der von Frauen getragenen Melhfa verstärken sie dabei die Bedeutung von Bescheidenheit und Geschlechtertrennung.[6] Sowohl die Bildung als auch die Medien im Land sind durch religiöse Werte geprägt: Es gibt viele Koranschulen und in den öffentlich rechtlichen Sendern werden hauptsächlich islamische Sendungen gezeigt, wodurch die zentrale Rolle des Islam sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich deutlich wird.[7] Internationale Schulen bilden eine Ausnahme, denn hier ist islamischer Religionsunterricht kein Pflichtfach.[8]
Aus einem Bericht des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen geht hervor, dass die Gewissens- und die Religionsfreiheit in Mauretanien nicht offiziell anerkannt werden.[9] Tatsächlich wird weder die Gewissens- noch die Religionsfreiheit in der Verfassung erwähnt. Ebenso wenig ist ein Verbot von religiös motivierten Diskriminierungen verfassungsrechtlich verankert. Ein Wechsel der Religion gilt als Apostasie, worauf die Todesstrafe steht.[10]
Das Ministry of Islamic Affairs and Traditional Education (Ministerium für islamische Angelegenheiten und traditionelle Bildung) hat die Aufgabe, „Fatwas (islamische Rechtsgutachten) zu erlassen und zu verbreiten, ‚Extremismus‘ zu bekämpfen, Islamstudien zu fördern, Pilgerfahrten nach Mekka zu organisieren und Moscheen zu überwachen“.[11]
Das Strafgesetzbuch von Mauretanien[12] wurde 2018 so geändert, dass auf Blasphemie ausnahmslos die Todesstrafe steht.[13] Vor dieser Änderung wurde laut Artikel 306 des Strafgesetzbuches nur dann die Todesstrafe verhängt, wenn der Angeklagte keine Reue zeigte und sich nicht entschuldigte; dieser Passus wurde gestrichen.[14] Laut mauretanischem Recht sind zudem eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren und eine Geldstrafe von bis zu 600.000 Ouguiya (rund 15.380 €) bei einer „Verletzung der öffentlichen Moral und islamischen Werte“, bei einem „Verstoß gegen Allahs Verbote“ oder bei Beihilfe zum Verstoß vorgesehen.[15]
In der Vergangenheit hat die Organisation Human Rights Watch ernsthafte Bedenken über die andauernde Anwendung repressiver Gesetze in Mauretanien geäußert, die dazu dienen, abweichende Meinungen zu unterdrücken und Grundfreiheiten einzuschränken. Berichten zufolge wurden die Gesetze zu Blasphemie, Cyberkriminalität und strafbarer Diffamierung selektiv und als gezielte Bestrafung von Menschenrechtsschützern, Journalisten, Bloggern und zivilgesellschaftlichen Aktivisten angewendet.[16] Diese oft vage formulierten und weit ausgelegten gesetzlichen Bestimmungen haben es den Behörden ermöglicht, Personen wegen kritischer Meinungsäußerungen oder der Verbreitung von Inhalten, die als beleidigend für die Regierung oder die religiöse Orthodoxie eingestuft werden, zu verfolgen. Die systematische Durchsetzung derartiger Gesetze untergräbt die freie Meinungsäußerung und trägt zu einer Grundstimmung bei, die durch Einschüchterung und Selbstzensur geprägt ist – ganz besonders in Bezug auf Angelegenheiten, die die Religion oder den Glauben berühren.[17]
Der genaue Anteil ethnisch-mauretanischer Christen ist nicht bekannt – sofern es überhaupt welche gibt – da in der mauretanischen Stammeskultur „eine Abkehr vom Islam nicht nur als religiöser Verrat, sondern auch als Verrat am Stamm und an der Familie gilt“.[18] Deshalb haben die wenigen nichtmuslimischen Einwohner Mauretaniens eigentlich keine Möglichkeit, ihren Glauben, zumindest öffentlich, zu leben.[19] Die Scharia, das islamische Rechtssystem, findet bei zivilen (insbesondere bei familiären) Angelegenheiten Anwendung. Bestimmte Vergehen und einige Verletzungen der Scharia werden sehr hart bestraft, beispielsweise durch Auspeitschen, Steinigungen oder Amputationen.[20]
Religionsfreiheit wird in Mauretanien nicht anerkannt. Während es ausländischen Gläubigen gestattet ist, an einigen wenigen ausgewählten Orten an Gottesdiensten teilzunehmen, ist mauretanischen Einwohnern die Teilnahme daran nicht gestattet.[21] Inoffizielle Maßnahmen der Regierung erlauben die Glaubensausübung faktisch nur für eine Handvoll christlicher Konfessionen – darunter die Katholische Kirche –, denen das Missionieren jedoch untersagt ist.[22] Die Kirchen in Mauretanien befinden sich vorwiegend in den größeren Städten wie Nouakchott, Kaedi, Atar, Nouadhibou und Rosso.[23]
Vorfälle und aktuelle Entwicklungen
Am 5. März 2023 gelang vier Inhaftierten mit Verbindungen zur al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) der Ausbruch aus dem Gefängnis Nouakchott, nachdem sie einen gewalttägigen Überfall auf die Gefängniswärter verübt hatten. Dabei wurden zwei der Wärter getötet und weitere verletzt. Als Reaktion darauf leiteten die Behörden eine landesweite Fahndung ein, verhängten eine Ausgangssperre und unterbrachen vorübergehend den mobilen Internetzugang, um die Kommunikation zwischen militanten Netzwerken zu verhindern. Drei Entflohene wurden schließlich getötet, einer wurde wieder in Gewahrsam genommen.[24]
Im April 2023 stand Mauretaniens ehemaliger Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz, der von 2008 bis 2019 im Amt war, wegen Korruption vor Gericht und wurde aufgrund von unrechtmäßiger Bereicherung und Geldwäsche verurteilt. Das Gericht ordnete darüber hinaus die Beschlagnahmung unrechtmäßig erworbenen Vermögens an. Unter den Angeklagten wurde Aziz mit der längsten Haftstrafe belangt; zwei ehemalige Minister wurden freigesprochen. Der Anwalt von Aziz, Mohameden Ould Icheddou, bewertete den Prozess und das Urteil als politisch motiviert. Ein anderer Anwalt gab bekannt, in Berufung gehen zu wollen. Staatsanwalt Brahim Ould Ebetti beschreibt das Urteil allerdings als „äußerst milde“. Im Mai 2025 verurteilte ein Berufungsgericht den ehemaligen Präsidenten zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren.[25] Nur selten kommt es zu einer strafrechtlichen Verfolgung ehemaliger Staatsoberhäupter. Das gilt insbesondere für Afrika, wo die meisten Ex-Oberhäupter, die vor Gericht stehen, eher wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit als wegen Korruption verurteilt werden.[26]
Im Juli 2023 wurde die 19-jährige Schülerin Mariya Oubed wegen schwerwiegender Blasphemie angeklagt. Sie soll sich während einer Prüfung respektlos über den Propheten Mohammed geäußert haben. Gemäß Artikel 306 des mauretanischen Strafgesetzbuches kann ein Vergehen dieser Art die Verhängung der Todesstrafe zur Folge haben. Die Debatte wurde durch einen Facebook-Post einer Lehrkraft ausgelöst, der die Prüfung der Schülerin und die darauf geschriebene blasphemische Äußerung zeigte. Der Post löste eine Welle der Empörung vonseiten der Öffentlichkeit aus. Obwohl die Identität der Schülerin zunächst geheim gehalten wurde, kam es zu Protesten, in denen ihre strafrechtliche Verfolgung gefordert wurde. Mauretaniens höchste religiöse Behörde, die Association of Mauritanian Ulamas, forderte für das Vergehen die Todesstrafe und drängte die Regierung zu einer raschen Reaktion. Einige Tage später unternahm der Abgeordnete Mohamed Bouy den Versuch, den Fall zu politisieren und ersetzte auf der veröffentlichten Prüfung den Namen des Propheten mit dem des Präsidenten Ghazouani, wodurch er die Spannungen zusätzlich befeuerte. Am 26. Juli wurde Oubed wegen Blasphemie und der Untergrabung der heiligen Werte des Islam in den sozialen Medien in Untersuchungshaft genommen. Ihre Familie wies diese Vorwürfe ab; sie führte dabei die psychischen Probleme der Schülerin an und mahnte die Menschen, Mitgefühl zu zeigen. Diese Forderungen wiesen die religiösen Gelehrten allerdings ab.[27] Das Verfahren ist bisher noch nicht abgeschlossen.
Im Februar 2024 schilderte Bischof Victor Ndione gegenüber dem Nachrichtenportal Vatican News einige der Herausforderungen, denen sich das Bistum Nouakchott gegenübersieht, das das gesamte Land umfasst. Eine grundlegende Sorge sei die ständige Fluktuation von Geistlichen und Mitgliedern – ein Problem, das darauf zurückzuführen ist, dass die Kirche aus ausländischen Gläubigen besteht. Dies erschwere die langfristige Aufrechterhaltung des pastoralen Gemeindelebens. Der Prälat wies außerdem darauf hin, dass illegale Migration und begrenzte Ressourcen weitere zentrale Herausforderungen darstellen, da die Kirche weder auf lokale personelle noch auf finanzielle Unterstützung zurückgreifen kann.
Trotz dieser Herausforderungen gilt die Multikulturalität innerhalb des Bistums als eine förderliche Eigenschaft für die pastorale Arbeit – vorausgesetzt, die Einigkeit des Bistums wird gewahrt.[28] Tatsächlich kommt die kleine katholische Gemeinde von etwa 4.500 ausländischen Gläubigen regelmäßig zusammen, um gemeinsam die Sonntagsmesse zu feiern. Im Jahr 2024 begingen viele von ihnen hingebungsvoll die Fastenzeit – selbst diejenigen, die nicht regelmäßig Gottesdienste besuchten. Sie übten Buße und beteiligten sich an gemeinschaftlichen Wohltätigkeitsaktionen, darunter die „Fastentöpfe“, bei denen Lebensmittel, Kleidung und Geld gesammelt und an Bedürftige verteilt wurden.
Bischof Ndione, der erste afrikanische Bischof des Bistums, hat eine schon seit Langem bestehende Verbindung zur Kirche von Mauretanien. Der dem senegalesischen Bistum Thiès zugehörige Priester lebt seit 2003 in dem westafrikanischen Land. Im Jahr 2014 wurde er inkardiniert, 2018 zum Generalvikar ernannt und am 14. April 2024 dann zum Bischof von Nouakchott geweiht.[29]
Im Rahmen der Präsidentschaftswahlen im Juni 2024 zählten politische Stabilität, Migration, regionale Sicherheit, Korruption und die anhaltenden Bedenken hinsichtlich der Menschenrechtslage im Land zu den zentralen Themen des Wahlkampfes. Der amtierende Präsident Mohamed Ould Ghazouani kandidierte für seine zweite Amtszeit. Dabei sah er sich sechs Herausforderern gegenüber, allen voran Biram Ould Dah Ould Abeid, ein bekannter Aktivist im Kampf gegen Sklaverei.
Ghazouni konnte im Juli 2024 die Wahl mit mehr als 56 % der Stimmen im ersten Wahlgang für sich entschieden. Abeid erklärte das Wahlergebnis zu einem „Wahlputsch“ und weigerte sich, seine Niederlage anzuerkennen. Bereits vor der Wahl hatte Hamadi Sidi el-Mokhtar, der den dritten Platz belegte, ebenfalls Bedenken hinsichtlich einer möglichen Wahlmanipulation geäußert.[30] Obwohl es Ghazouani zugeschrieben wird, seit seinem ersten Amtsantritt 2019 eine gewisse Stabilität im Land gewahrt zu haben, erfährt seine Regierung weiterhin Kritik für die demokratischen Defizite und die andauernde strukturelle Ungerechtigkeit in Mauretanien. Nach seiner Wiederwahl rief der Präsident einen nationalen Dialog ins Leben, um so die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Land zu stärken.[31]
Perspektiven für die Religionsfreiheit
Die Perspektiven für die Religionsfreiheit in Mauretanien sind weiterhin düster. Es gibt keine gesetzlichen Zusicherungen für die Religions- und Glaubensfreiheit. Auch gesellschaftliche Normen tragen zu einem System bei, in dem jegliche Abweichung vom sunnitischen Islam mit massivem Druck sowohl seitens des Staates als auch seitens der lokalen Gemeinschaften einhergeht.
Die Gesetze über Apostasie und Blasphemie, einschließlich der Änderung im Jahr 2018, schreiben bei Verstößen die Todesstrafe vor und dienen somit als wirksame Abschreckungsmittel gegen abweichende religiöse Auffassungen und religiösen Pluralismus. Die strenge Auslegung der islamischen Grundsätze im öffentlichen und privaten Leben bietet nahezu keinen Raum für die Ausübung nichtmuslimischer Religionen. Darüber hinaus hindern staatliche Restriktionen und gesellschaftliche Stigmatisierung jeden daran, andere Glaubensrichtungen offen zu ergründen oder auszuüben.
Zwar ist es Mauretanien bislang gelungen, Dschihadistengruppen daran zu hindern, im Land Fuß zu fassen, doch hat dies zu einer gravierenden Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten geführt, insbesondere in Bezug auf die Meinungs- und Glaubensfreiheit. Ungeachtet dessen bietet die Katholische Kirche, die einen kleinen und vollständig ausländischen Bevölkerungsanteil umfasst, weiterhin Seelsorge an und wird im Allgemeinen für ihren gesellschaftlichen Einsatz geschätzt, der sich uneingeschränkt an Menschen aller Religionen richtet.
In Ermangelung einer Rechtsreform oder eines wirksamen gesellschaftlichen Wandels bleiben die Perspektiven für die Religionsfreiheit stark eingeschränkt.
Quellen