ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK
Gesetzeslage zur Religionsfreiheit und deren faktische Anwendung
Am 30. August 2023 trat in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) eine neue Verfassung in Kraft, die die Charta von 2016 ersetzte. Das Referendum im Juli 2023 führte tiefgreifende Änderungen ein: Die Begrenzung auf zwei Amtszeiten des Präsidenten wurde aufgehoben, die Amtszeit von fünf auf sieben Jahre verlängert, das Amt des Vizepräsidenten geschaffen und der Senat durch einen Rat der traditionellen Autoritäten ersetzt. Laut Regierungsangaben stimmten bei einer Wahlbeteiligung von 57 % über 95 % der Wähler für den Entwurf; Opposition und Zivilgesellschaft hingegen sprachen von einem „Scheinreferendum“ und schätzten die tatsächliche Beteiligung auf 10 bis 13 %. Die Reform ebnet Präsident Faustin-Archange Touadéra den Weg zu einer dritten Amtszeit bei den für den 28. Dezember 2025 angesetzten Wahlen.[1]
Die Präambel der neuen Verfassung[2]bekräftigt, dass das Volk der Zentralafrikanischen Republik sich „bewusst ist, dass Toleranz, Integration und Dialog die Grundlage für Frieden und nationale Einheit sind“ und dass die Republik „ethnisch, kulturell und religiös vielfältig“ ist. Laut Präambel besteht das gemeinsame Ziel im „Aufbau einer geeinten, solidarischen und wohlhabenden Nation“. Artikel 7 verbietet es den politischen Parteien, sich mit einer bestimmten Ethnie, Religion, einem Geschlecht, einer Sprache, einer Region oder einer bewaffneten Gruppe zu identifizieren. Artikel 13 garantiert die Nichtdiskriminierung – auch aus religiösen Gründen – beim Zugang zu Bildung und öffentlichen Ämtern. Artikel 22 schützt ausdrücklich die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, deren Ausübung durch das Gesetz geregelt wird.[3]
Alle anerkannten Religionsgemeinschaften haben das Recht, wöchentliche Radiosendungen über den staatlichen Sender Radio Centrafrique auszustrahlen und eigene Radiostationen zu betreiben. Die wichtigsten konfessionellen Radiosender sind das katholische Radio Notre Dame mit Sitz in Bangui und das protestantische Radio Voix de l'Évangile (früher bekannt als Radio Nehemie). Daneben gibt es auch einige frei sendenden katholischen Stationen. Radio Siriri in Bouar und Radio Maria in Bossangoa (das seit Ende 2013 auch in Bangui sendet) haben eine große Hörerschaft.
Ein am 6. September 2016 unterzeichnetes[4] und am 5. März 2019 in Kraft getretenes Rahmenabkommen zwischen der Zentralafrikanischen Republik und dem Heiligen Stuhl[5] legt die Beziehungen zwischen Staat und Kirche fest. Beide Seiten verpflichten sich darin, ihre jeweilige Autonomie zu wahren und zum gemeinsamen Wohl sowie zum moralischen, sozialen und kulturellen Fortschritt der Bürger beizutragen.
Ein weiterhin ungelöstes Problem betrifft den Aufenthaltsstatus ausländischer Missionare. Bereits 2020 beklagte die Zentralafrikanische Bischofskonferenz (CECA) gegenüber dem Außenministerium lange Bearbeitungszeiten und hohe Gebühren, die die Entsendung kirchlichen Personals erschweren.[6] Diese Situation dürfte sich nach der neuen Visaregelung vom 12. Februar 2024, die eine zusätzliche Genehmigung durch das Außenministerium für alle ausländischen Arbeitnehmer – einschließlich Missionaren – verlangt, weiter verschärfen. Die Genehmigung muss in Bangui eingeholt werden, bevor Arbeitnehmer in einer Botschaft der Zentralafrikanischen Republik ein Visum beantragen können, was eine weitere bürokratische Hürde in einem ohnehin schon komplexen Verfahren darstellt.[7]
Religiöse Gruppen – ausgenommen traditionelle Religionen – müssen sich beim Innen- und Sicherheitsministerium registrieren lassen. Voraussetzung sind mindestens 1.000 Mitglieder sowie ein qualifiziertes Leitungsteam, dessen Ausbildung staatlich überprüft wird.
Eine Registrierung kann verweigert werden, wenn eine Gemeinschaft als Verstoß gegen öffentliche Moral, Gesundheit oder Ordnung angesehen wird. Der Registrierungsvorgang ist gebührenfrei und gewährt Vorteile wie Zollbefreiungen, etwa für Fahrzeuge oder Geräte. Gegen Gruppen, die sich nicht registrieren, werden keine Sanktionen verhängt.[8]
Die jüngste registrierte Konfession ist die Russisch-Orthodoxe Kirche, die am 4. Juli 2022 vom Ministerium für territoriale Verwaltung offiziell zugelassen wurde. Etwa zur gleichen Zeit eröffnete sie eine Kirche im Zentrum von Bangui – ein Schritt, den viele Beobachter als einen Aspekt des wachsenden russischen Einflusses in der ZAR seit 2017 betrachten.[9]
In den vergangenen Jahren haben sich insbesondere pfingstkirchliche Bewegungen stark verbreitet und konnten ihre Gottesdienste ohne größere Behinderungen abhalten.[10]
Vertreter der muslimischen Gemeinschaftsorganisation COMUC (Coordination de la Communauté des Musulmans de Centrafrique) hingegen berichteten, dass muslimische Bürger weiterhin willkürlichen Festnahmen, Erpressungen und außergerichtlichen Tötungen durch staatliche Sicherheitskräfte ausgesetzt seien, die sie beschuldigten, bewaffnete Gruppen zu unterstützen. Zudem hätten Muslime große Schwierigkeiten, nationale Ausweisdokumente zu erhalten – eine Voraussetzung für den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen. COMUC kritisierte auch die verschärften Staatsbürgerschaftsbestimmungen der neuen Verfassung, die Muslime überproportional träfen, da viele die geforderten Nachweise nicht erbringen könnten. Gemeindevorstände beklagten darüber hinaus weitverbreitete Korruption: Muslimische Antragsteller müssten häufig das Fünffache der offiziellen Gebühren zahlen und zusätzliche Nachweise erbringen[11] – was ihren Ausschluss aus öffentlichen Strukturen weiter verstärke.[12]
Religionsunterricht ist in der Zentralafrikanischen Republik nicht verpflichtend, wird jedoch an den meisten Schulen angeboten. Die Katholische Kirche betreibt ein landesweites Schulnetzwerk in allen neun Diözesen, das von den Écoles Catholiques Associées en Centrafrique (Vereinigte Katholische Schulen Zentralafrikas, ÉCAC) koordiniert wird. Grundlage ist eine Kooperationsvereinbarung mit dem Bildungsministerium. Trotz dieser formellen Partnerschaft hat ÉCAC wiederholt die anhaltende staatliche Vernachlässigung angeprangert – so steht insbesondere die Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge für Lehrkräfte seit über 25 Jahren aus. Angesichts steigender Kosten sind die katholischen Schulen zunehmend auf Unterstützung durch den privaten Sektor und kirchliche Organisationen angewiesen.[13] An der staatlichen Universität von Bangui besteht eine katholische Hochschulseelsorge, die von Jesuiten geleitet wird. Das Zentrum, das sich in unmittelbarer Nähe des Campus befindet, bietet ein breites Spektrum an seelsorgerischen und kulturellen Aktivitäten.[14]
Zu den gesetzlichen christlichen Feiertagen zählen der Karfreitag, das Osterfest, Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen und Weihnachten. Der Staat erkennt darüber hinaus die muslimischen Feste Eid al-Fitr und Eid al-Kebir als Feiertage an. In den vergangenen Jahren hat sich die Teilnahme hochrangiger Regierungsvertreter – nahezu alle christlichen Glaubens – an öffentlichen Gebeten in den Moscheen von Bangui und den Präfekturen des Landes während dieser beiden islamischen Feste als Tradition etabliert.
Trotz wiederholter Zusicherungen der Regierung wurden die seit Langem ausstehenden Kommunalwahlen, die ursprünglich am 25. Oktober 2024 stattfinden sollten, zunächst auf April 2025 verschoben und anschließend erneut vertagt.[15] Wenn sie schließlich abgehalten werden, wären es die ersten Kommunalwahlen seit 1988. Organisationen der Zivilgesellschaft betrachten sie als entscheidenden Schritt zur Stärkung der Demokratie und zur Wiederherstellung lokaler politischer Legitimität.[16]
Vorfälle und Entwicklungen
Die Zentralafrikanische Republik ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Im Jahr 2023 belegte das Land auf dem Human Development Index Platz 191 von 193. Zugleich gehörte die ZAR zu den gefährlichsten Einsatzorten für humanitäre Helfer: Im Jahr 2024 wurden 145 sicherheitsrelevante Vorfälle gemeldet. Die Zahl der Todesopfer stieg im Vorjahresvergleich um 30 %.[17] Unter den Ländern Zentralafrikas galt die ZAR 2023 zudem als am wenigsten politisch stabil und als am stärksten vom Terrorismus betroffen.[18] Eine der wenigen positiven Entwicklungen im Berichtszeitraum war die Abnahme der Binnenvertreibung: Viele Menschen, die während des Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen hatten, konnten zurückkehren. Im Juli 2025 berichtete das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), dass nur noch rund 7 % der Bevölkerung als Binnenvertriebene galten.[19]
Zwischen 2023 und Ende 2024 festigte Präsident Faustin-Archange Touadéra seine Macht durch ein umstrittenes Verfassungsreferendum im Juli 2023, bei dem zusätzliche russische Söldner als Sicherheitskräfte eingesetzt wurden. Diese Kämpfer unterstützten den Präsidenten nicht nur militärisch gegen Rebellen, sondern wurden Berichten zufolge auch in den Handel mit Mineralien und Tropenholz verwickelt.[20]
Die neue Verfassung hob die Begrenzung der Amtszeiten auf, verlängerte die Präsidentschaft auf sieben Jahre, schuf das Amt des Vizepräsidenten und ersetzte den Senat durch einen Rat der traditionellen Autoritäten. Während die Regierung ein Ergebnis von über 95 % Zustimmung bei einer Wahlbeteiligung von rund 60 % verkündete, meldeten Oppositionsparteien und unabhängige Beobachter zahlreiche Unregelmäßigkeiten und schätzten die tatsächliche Beteiligung auf etwa 10 %.[21]
Im gleichen Zeitraum standen die bürgerlichen Freiheiten zunehmend unter Druck. Zivilgesellschaftliche Gruppen und unabhängige Medien sahen sich Schikanen und Repressionen ausgesetzt, wodurch der ohnehin fragile demokratische Spielraum weiter eingeschränkt wurde.
Zwischen Januar 2023 und Dezember 2024 dokumentierten verschiedene Quellen eine Vielzahl von Verletzungen der Religionsfreiheit in der Zentralafrikanischen Republik.[22] Bewaffnete Gruppen, die sich häufig nach religiösen Gesichtspunkten organisieren, griffen weiterhin Zivilisten an, vertieften konfessionelle Spaltungen und trieben den Teufelskreis der Vergeltung weiter an. Berichte der UN-Friedensmission MINUSCA beschrieben willkürliche Festnahmen, Folter und Tötungen muslimischer Zivilisten durch staatliche Sicherheitskräfte und Angehörige der Wagner-Gruppe, insbesondere in den Regionen Nana-Grébizi, Ouandago und Bangui.[23] Trotz dieser Übergriffe bleibt das Justizsystem auffallend schwach bei der Verfolgung religiös motivierter Verbrechen, was eine Kultur der Straflosigkeit begünstigt und die Bemühungen um den Schutz gefährdeter Gemeinschaften untergräbt.[24]
Die Sicherheitslage im Land blieb insgesamt instabil. Kämpfe zwischen Regierungstruppen, die von russischen Söldnern unterstützt werden, und bewaffneten Gruppen, insbesondere der Coalition des Patriotes pour le Changement (Koalition der Patrioten für den Wandel, CPC), die aus christlichen und muslimischen Milizen besteht, hielten im Berichtszeitraum an.[25] Russische Kämpfer, die ursprünglich der Wagner-Gruppe angehörten, waren maßgeblich an der Sicherung einiger Städte beteiligt, wurden aber auch schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt.[26] Im Mai 2023 veröffentlichte CBS einen Bericht[27] über ein Massaker aus dem Jahr 2021 in der überwiegend muslimischen Goldminenstadt Bambari. Augenzeugen berichteten von Erschießungen, Folter und Vergewaltigungen durch Wagner-Söldner. „Sie schossen vom Boden und aus der Luft auf uns“, sagte ein Zeuge. Ein anderer erklärte, das Wort „Töten“ werde dem Geschehen nicht gerecht: „Es war ein Massaker. Wie Armageddon.“ Ein Bericht der Vereinten Nationen bestätigte, dass sowohl Regierungssoldaten als auch russische Söldner in der Moschee von Bambari auf Zivilisten schossen – ohne Rücksicht auf die religiöse Bedeutung des Ortes.[28]
Am 10. Februar 2023 wurde der Karmelitermissionar Pater Norberto Pozzi schwer verletzt, als sein Fahrzeug auf der Straße zwischen Bozoum und Bouar auf eine Landmine fuhr. Pater Pozzi verlor dabei einen Fuß, während die übrigen Mitreisenden leichtere Verletzungen erlitten. Der Vorfall verstärkte die Sorge kirchlicher Vertreter um die Sicherheit von Geistlichen und Gläubigen in von Landminen und Rebellenaktivitäten betroffenen Gebieten. Die Kirche forderte daraufhin verstärkte institutionelle Schutzmaßnahmen, um insbesondere in Regionen mit aktiver humanitärer und pastoraler Tätigkeit sichere Bewegungsfreiheit zu gewährleisten.[29]
Am 5. Mai 2023 ließen muslimische Händler im Stadtteil PK5 von Bangui aus Protest ihre Läden geschlossen, nachdem russische Söldner einen Imam und dessen Cousin festgenommen und wiederholt gefoltert hatten.[30]
Die Entscheidung der Regierung, trotz der anhaltenden Unsicherheit, politischen Instabilität und sozialen Unruhe ein Verfassungsreferendum abzuhalten, wurde von den katholischen Bischöfen in der Zentralafrikanischen Republik deutlich kritisiert. In einer Erklärung der Zentralafrikanischen Bischofskonferenz (Conférence Épiscopale Centrafricaine, CECA) vom Juni 2023 bezeichneten sie das Referendum als unzeitgemäß, da die Nation von tiefen sozioökonomischen und politischen Krisen erschüttert sei. Die Bischöfe verurteilten Aufrufe einzelner politischer Akteure zu gewaltsamem Widerstand und warnten vor den langfristigen Folgen wiederkehrender Krisen, die Familienstrukturen zerstört, Bildungsmöglichkeiten zunichte gemacht und eine Kultur der Gewalt und Straflosigkeit gefördert hätten. Sie riefen zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat auf, um Frieden und nationale Einheit zu fördern.[31]
Trotz anhaltender Berichte über Übergriffe durch Rebellen zeigte eine 2023 veröffentlichte Studie der UN-Friedensmission MINUSCA, dass tatsächlich staatliche Akteure – darunter Armee und Polizei – für 57 % der Menschenrechtsverletzungen und 90 % der Fälle von Folter verantwortlich waren.[32] MINUSCA berichtete außerdem über zunehmende Diskriminierung gegenüber Fulani- und muslimischen Gemeinschaften, insbesondere beim Zugang zu nationalen Ausweisdokumenten. In Berbérati sollen Polizisten von muslimischen Antragstellern überhöhte Gebühren und zusätzliche Nachweise verlangt haben.[33]
Ein zentraler Punkt religiöser Spannungen blieb die Überfüllung der Friedhöfe in Bangui. Seit die christliche Gemeinschaft einen muslimischen Friedhof nutzt, wird es immer schwieriger, die Harmonie zwischen den Gruppen aufrechtzuerhalten. Einige junge Einwohner nutzen den Ort zudem für geselliges Zusammensein und Alkoholkonsum, um Spannungen abzubauen, was zu Befürchtungen hinsichtlich möglicher künftiger Konflikte führt. Der Staat reagiert hier bislang nur verhalten, wodurch sich die Spannungen weiter verfestigen.[34]
Im August 2024 exhumierten die Behörden auf Bitten von Familienangehörigen rund 100 muslimische Verstorbene, die auf dem Friedhof einer evangelischen Kirche im 3. Distrikt von Bangui beigesetzt worden waren, um sie auf den muslimischen Friedhof in der Gemeinde Bimbo 3 umzubetten. Vertreter der muslimischen Gemeinschaft werteten die Maßnahme als Zeichen des Regierungswillens zur Förderung eines friedlichen Zusammenlebens. Auch die Zivilbevölkerung sah darin einen wichtigen Schritt zur Wiederherstellung des Vertrauens zwischen den Religionsgemeinschaften.[35]
Obwohl die religiöse Zugehörigkeit in der Zentralafrikanischen Republik häufig als Trennlinie gewirkt hat, erweist sie sich mitunter auch als Quelle von Resilienz und Versöhnung. In Ermangelung effektiver politischer Vermittlungsarbeit übernehmen religiöse Führer eine zentrale Rolle bei der Deeskalation von Spannungen und der Förderung des Dialogs zwischen den Gemeinschaften.[36] Auf dieser Grundlage entstanden in den letzten Jahren mehrere institutionalisierte Initiativen zur Stärkung des interreligiösen Austauschs. Im Jahr 2024 führte das Internationale Dialogzentrum KAICIID in Zusammenarbeit mit der Universität von Bangui und mit Unterstützung des Nationalen Interreligiösen Rates (PCRC) ein innovatives Ausbildungsmodul für den interreligiösen Dialog ein. Das Programm vermittelt künftigen Führungskräften Kenntnisse in Konfliktlösung auf Grundlage interreligiöser Prinzipien und soll Versöhnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt durch strukturelle Friedensbildung fördern.[37]
In einer Erklärung vom Mai 2024 prangerte der Erzbischof von Bangui, Kardinal Dieudonné Nzapalainga, die ungleiche Verteilung des Wohlstands im Land an: Während eine kleine Elite über die meisten Ressourcen verfüge, lebe die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin in Armut. Trotz gewisser Fortschritte bei der Sicherheitslage – erkennbar an der Wiedereröffnung von Schulen und der Belebung des Handels – bleibe das Land stark von den Folgen des jahrelangen Konflikts geprägt, insbesondere in den Bereichen Bildung und Wiederaufbau der Infrastruktur. Der Kardinal betonte zugleich die prophetische Rolle der Kirche, die verpflichtet sei, für Randgruppen einzutreten, soziale Gerechtigkeit zu fördern und eine gerechte Verteilung der Ressourcen einzufordern.[38]
Im Juli 2024 wurde Kardinal Nzapalainga in Kigali (Ruanda) zusammen mit zwei weiteren zentralafrikanischen Religionsführern mit dem Aegis Trust Award ausgezeichnet. Der 2002 gegründete Aegis Award würdigt religiöse Persönlichkeiten, die sich aktiv gegen konfessionelle Gewalt einsetzen und interreligiöse Harmonie fördern. Neben Kardinal Nzapalainga erhielten auch Apostel Nicolas Guérékoyame-Gbangou, Präsident der Evangelischen Allianz der ZAR, sowie posthum der verstorbene Imam Omar Kobine Layama, ehemaliger Präsident des Islamischen Rates, die Auszeichnung. Auf dem Höhepunkt des Konflikts hatte Kardinal Nzapalainga Imam Layama und dessen Familie in seiner Residenz in Bangui Schutz gewährt – ein Symbol gelebter interreligiöser Solidarität. Gemeinsam gründeten die drei Geistlichen die Plattform der Religionen in der ZAR, deren Mitglieder unter persönlichen Risiken Gewaltregionen besuchten, um Versöhnung zu fördern und Frieden wiederherzustellen.[39]
Währenddessen setzten russische Söldner auch im Berichtszeitraum ihre gewaltsamen Aktivitäten fort. Im April 2024 kam es in der Umgebung des Dorfes Yemen im Osten des Landes zu einem Luft- und Bodenangriff mit dem Ziel, den Anführer der Lord‘s Resistance Army (LRA), Joseph Kony, festzunehmen.[40] Die extremistische Miliz ist verantwortlich für über 100.000 Todesopfer und 60.000 Kindesentführungen in Uganda, der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik.[41] Im Zuge der Operation brannten russische Einheiten mehrere Dörfer nieder und töteten Zivilisten, erlitten jedoch selbst Verluste in Gefechten mit LRA-Kämpfern, die sich anschließend in den Busch zurückzogen. Joseph Kony entkam wie schon oft, noch bevor der Überraschungsangriff begann, und floh in Richtung Sudan.[42]
Im Juli 2024 kam es zu schweren Gefechten zwischen der Rebellenbewegung 3R (Return, Reclamation, Rehabilitation) und der zentralafrikanischen Armee, die zur Vertreibung von rund 10.000 Zivilisten führten. Die Rebellen griffen innerhalb weniger Tage fast zehn Dörfer zwischen Bocaranga und Bazoum unweit der Grenze zu Kamerun an. Die im Jahr 2015 gegründete Miliz gibt vor, die Interessen muslimischer Viehhirten gegen die christlichen Anti-Balaka-Milizen zu verteidigen, wird jedoch zahlreicher Gräueltaten beschuldigt – darunter Morde, Vergewaltigungen und gewaltsame Vertreibungen. Darüber hinaus ist 3R in Entführungen verwickelt, die sich sowohl gegen UN-Friedenstruppen als auch gegen Zivilpersonen richten. Mit mehreren Hundert Kämpfern operiert die Gruppe entlang der Grenze zwischen der Zentralafrikanischen Republik und Kamerun, wohin sie sich regelmäßig zurückzieht, wenn Regierungstruppen sie verfolgt.[43] Neben ihren militärischen Aktivitäten kontrolliert die Miliz auch illegale Wirtschaftsstrukturen, darunter die Besteuerung von Vieh, den Schmuggel von Gold und den Waffenhandel, insbesondere in den westlichen Landesteilen.[44]
Am 26. November 2024 wurden auf dem Rückweg von einer religiösen Feier in der Nähe der Diamantenstadt Bria sechs Motorradtaxifahrer und vier Passagiere von unbekannten Bewaffneten überfallen und getötet.[45] Auch wenn der Angriff nicht direkt als religiöse Verfolgung zu werten ist, zeigt er doch beispielhaft, wie die Einhaltung religiöser Vorschriften die Verletzlichkeit inmitten eines Konflikts erhöhen kann. Zwar bekannte sich niemand unmittelbar zu der Tat, allerdings war die Bergbaustadt Bria in den vergangenen Jahren immer wieder Schauplatz von Kämpfen zwischen Regierungstruppen und der Anti-Regierungskoalition CPC, die in der Region stark aktiv ist.[46]
In einem Interview mit Vatican News im Januar 2025 blickte Bischof Désiré Nongo Aziagbia von Bossangoa, Präsident der Zentralafrikanischen Bischofskonferenz, auf das 130-jährige Jubiläum der Evangelisierung in der Zentralafrikanischen Republik zurück, das im Jahr 2024 begangen wurde. Er und seine Mitbrüder äußerten tiefe Dankbarkeit gegenüber den frühen Missionaren, die die Bibel in lokale Sprachen übersetzten, Katecheten ausbildeten, Kirchen bauten und den Zugang zu Bildung und Berufsbildung förderten – unter anderem in Landwirtschaft, Handwerk, Mechanik und Gesundheitswesen. Zugleich hob Bischof Nongo die anhaltenden Schwierigkeiten der Christen im Land hervor: Neben einer fast zehnjährige Dauerkrise gebe es weiterhin Gebiete mit großer Unsicherheit sowie massive Defizite in Entwicklung, Gesundheitsversorgung, Bildung und grundlegenden Diensten.[47]
Perspektiven für die Religionsfreiheit
Trotz der verfassungsrechtlichen Garantien und einzelner symbolischer Gesten interreligiöser Solidarität bleibt die Religionsfreiheit in der Zentralafrikanischen Republik äußerst gefährdet. Mehr als ein Jahrzehnt Bürgerkrieg, ausgelöst durch die Auseinandersetzungen zwischen den mehrheitlich christlichen Anti-Balaka-Milizen und den muslimisch dominierten Séléka-Gruppen, hat das gegenseitige Vertrauen zwischen Christen und Muslimen tief erschüttert. Institutionelle Diskriminierung, insbesondere gegenüber muslimischen Gemeinschaften, besteht weiterhin und wird durch bürokratische Hürden, Korruption und die diskriminierende Praxis bei der Ausstellung von Ausweisdokumenten zusätzlich verschärft. Zwar leisten religiöse Führungspersönlichkeiten weiterhin einen entscheidenden Beitrag zum Dialog und zur Konfliktprävention, doch werden ihre Bemühungen durch anhaltende Unsicherheit, politische Repression und schwache staatliche Institutionen stark beeinträchtigt. Mit Blick auf die für Ende 2025 geplanten Wahlen wird ihre Rolle bei der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts noch an Bedeutung gewinnen. Insgesamt bleiben die Aussichten für die Religionsfreiheit negativ.
Quellen